Ullstein 2010
Ullstein 2010

 

Ake Edwardson – Der letzte Winter

 

Schwanengesang einer Ermittlerikone

 

Ake Edwardson gestaltet den 10 fall für Kommissar Erik Winter, schon allein das Doppel- bis Dreifach Wortspiel des Titels gibt hierbei die Richtung eines souverän und sprachlich mit hoher Qualität geschriebenen Romans vor.

 

Der letzte Winter als letzter Fall von Winter? Der letzte Winter als letzter Winter für Winter, weil er sterben wird? Oder der letzte Winter für all jene im Buch, die kurz vor Weihnachten den Tod finden auf eine lange Zeit unnennbare und nicht zu recherchierende Art und Wiese, ebenso, wie das Motiv lange Zeit tief im Dunkeln der Geschichte verborgen bleibt.

 

Drei Morde sind es, die den Anfang des Buches in der klaren Atmosphäre des blauen Winterhimmels über Göteburg eindrucksvoll in Szene setzen. Einerseits werden in Göteborg selber zwei Frauen des Nachts neben ihren Männern im Doppelbett ermordet, beide Male rufen die Männer umgehend die Polizei, beide Male scheint der Fall sonnenklar, die Männer müsse es gewesen sein. Erstickt wurden die Frauen, keine anderweitigen Spuren sind in den Wohnungen zu finden und doch, die junge Polizistin Gerda Hoffner, die als einzige beide Tatorte betritt, bekommt Zweifel.

 

Erik Winter indessen genießt nach seiner Genesung den Tag mit seiner Familie am eigenen Stück Strand, als dort eine männliche Leiche angespült wird. Eine Leiche, die ihn nicht loslassen wird, so gut kennt der Leser Winter inzwischen, dass er seinen Intuitionen konsequent folgt und das, was sein Inneres beschäftigt, nicht zur Seite schieben kann.

 

Während er selber seine innere Krise mitsamt massiven Migräneanfällen inzwischen bewältigt hat, sieht er sich allerdings zugleich auch Brüchen und inneren Verzweiflungen seiner Freunde, gar seiner Mutter, ausgesetzt. Einfach Charaktere im Schwarz Weiß Schema sind Edwardsons Sache zum Glück nicht, denn anhand der Morde und der beteiligten Familien und Ermittler gelingt es ihm in hervorragender Form, ein düsteres Gegenbild menschlich innerer Not zum strahlend blauen Himmel kurz vor Weihnachten zu entwerfen.

 

Durch Gerda Hoffner wird letztlich auch Erik Winter in die beiden geschehenen Morde mit ínvolviert, er sieht, was sie an Unstimmigkeiten gesehen hat, seine Intuition beginnt, sich zu rühren und inmitten all der Brüche und Heimlichkeiten der Beteiligten zeichnet sich ganz allmählich ein Bild ab. Da geschieht ein dritter Mord und auch Gerda Hoffner gerät tiefer in die Schlingen der Ermittlungen, das langgezogene und die Spannung jederzeit mühelos haltende Finale mit der schrittweisen Auflösung des Falles nimmt seinen Anfang.

 

Ake Edwardson schreibt mit tiefgreifender Wirkung und, man muss es so sagen, absolut souverän. Sowohl die verwinkelte Kontruktion des Falles, die Spannungselemente, die akribische arbeit der Ermittler, bereichert durch die intuitiven Momente Erik Winters, als auch die Zeichnung der Figuren ist jederzeit einsichtig und atmosphärisch dicht auf der Höhe der Geschichte. Nie wirkt Edwardson sprachlich überfordert oder fällt im Rahmen des Buches in Belanglosigkeiten ab. Mit der jungen Polizistin Gerda Hoffner gestaltet er eine weitere Hauptfigur im Buch, die durchaus die Möglichkeiten in sich trägt, die Fackel von Erik Winter zu übernehmen. Traumatische Erfahrungen und innere Tiefe verleiht Edwardson ihr jedenfalls zur Genüge. Ein mögliche Fortsetzungsgestalt, falls sie das Ende des Buches erleben wird (was hier nicht verraten werden wird). Beste Kriminal Kost.

 

M.Lehmann-Pape 2011

 

Åke Edwardson

 

Jahrgang 1953, lebt in Göteborg. Er arbeitete zuvor als Journalist und Dozent an der Universität.

 

(Quelle: Ullstein Verlag)