Ullstein 2015
Ullstein 2015

Ake Edwardson – Marconi Park

 

Ein sehr persönlich werdender Fall mit Längen

 

Ein toter Mann. Heruntergelassene Hosen. Ein Tortenkarton, sehr bewusst gewählt anscheinend. Auf diesen der Buchstabe „A“ gemalt.

 

Mehr ist es nicht, was die Ermittler im Kommissar Erik Winter am Tatort vorfinden. Und Winter ahnt in düsterer Weise, dass, wo ein Buchstabe ist, demnächst noch mehr zu finden sein werden. Sprich, dieser Tote nicht der letzte bleiben wird, sondern nur den Auftakt bildet zu einem Rachefeldzug, wie er vermutet.

 

Aber wer ist der Mann? Was könnte passiert sein? Wo sind die dunklen Motive für diese Tat (und weitere, die Folgen werden).

 

Wobei Winter selbst nicht unbedingt voll konzentriert ist, zunächst. Seine Familie immer noch in Spanien, seine Kinder mit Begeisterung. Wird die Wiedervereinigung, die „Umsiedlung“ zurück nach Göteborg überhaupt funktionieren? Auch wenn er selbst seinen Whiskey Konsum stark reduziert hat, auch wenn er ein schmerzliches Sehnen verspürt. Er weiß es und seine Frau  weiß es, was seine Arbeit angeht, die Ermittlungen, dieser Kampf gegen das ständige Böse, Dunkle um ihn herum, davon wird er sich wohl nie frei machen können, darin wird er sich immer wieder verlieren.

 

Mit einer (zu weit ausgeprägten) grundmelancholischen Stimmung eines intelligenten, gebildeten, der Oberschicht zugehörenden und doch als einfacher Kommissar arbeitenden Mannes, lenkt Ake Edwardson einmal mehr den Leser mehr in die inneren Abläufe seiner Figuren denn in die äußere Spannung des Falles.

 

Zwar legt er, wie immer, präzise die intuitive Arbeitsweise Winters durchgehend vor Augen, ein Genuss sind die Dialoge mit Winters Alter Ego Ringmar, dieses freie Assoziieren, dieses „sich einfühlen“ in Tat und Täter. Und je mehr sich Winter einfühlt (und der Leser damit mit), desto mehr kann man verstehen, dass manche aus dem Team der Ermittler aus Wut dreinschlagen könnten (wie Halder, der bei manchen Verhören kaum mehr zu bändigen sein wird).Andererseits ist das Motiv des Buches (und damit auch das Motiv des Täters am Ende) inzwischen doch in vielfacher Hinsicht „durcherzählt“ und die auftauchenden persönlichen Erinnerungen Winters an eigenes Erleben wirken nicht sonderlich realistisch und überzeugend.

 

„„Es ist wieder passiert“, sagte Ringmar. Seit dem ersten Mord waren fünf Tage vergangen“.

 

Es dauert allerdings  eine ganze Strecke, bis erste Ahnungen aufkommen, bis Winter Verbindungen zieht zwischen dem ehemaligen Sportplatz am Marconi Park, Videoaufnahmen einer 20 Jahre zurück liegenden Familienfeier und der immer deutlicher werdenden Erkenntnis, dass manche „Alte“, Eltern der erwachsenen Toten, einiges zurückhalten.

 

Je klarer dies wird, desto tiefer spürt Winter eine eigene, dunkle Stelle in seinem Inneren. Ein eigenes Erleben, dass ihn im Lauf der Zeit mit hineinziehen in diese aktuellen Morde, in das Motiv, das er dahinter vermutet.

 

So wird, anders als die vorhergehenden Winter-Fälle, fast als zentrales Anliegen des Buches dieses Mal vor allem der Kommissar selbst an eigene, innere Grenzen geführt, an die Quelle seiner Melancholie, seiner Distanz zu den Menschen oft, selbst zu denen, die er liebt.

 

Was zu sehr ausufert und den Roman viel an Tempo kostet.

 

In ganz eigener Atmosphäre mit einem immer noch originären, intuitiven Ermittler, dessen Brüche in der Persönlichkeit in diesem Band stark zum Tragen kommen, bietet Edwardson zwar eine in sich geschlossene Handlung an, lässt sich aber zu weit auf assoziative und düstere Stimmungen ein, die zu lang und damit zu langatmig geraten.. 

 

M.Lehmann-Pape 2015