Hanser Verlag 2014
Hanser Verlag 2014

Alfred Bodenheimer – Kains Opfer

 

Filigraner „Fall“ in jüdischer Gemeinde

 

Von Beginn an zieht zunächst die elegante, klare, Bilder und Emotionen bestens transportierende Sprache Bodenheimers in angenehmster Weise den Leser mitten hinein in diesen Kriminalfall. Und zudem in das ganz alltägliche „Rabbinatsleben“ und damit in das Leben der liberalen jüdischen Gemeinde in Zürich, deren Rabbi Gabriel Klein seit Jahren ist.

 

Ganz abseits vielleicht noch gängiger Vorurteile gegen einen „staub-trockenen“ Stil von Professoren, bietet Bodenheim einen sehr lebendigen Erzählfluss, während dessen er immer wieder auf sehr natürliche (und nicht belehrende) Weise so manche Besonderheiten der jüdischen Weltsicht (und ihrer Unterschiede untereinander) plastisch vor Augen führt.

 

Selbst vor verzwickteren Fragen der talmudischen Textauslegung schreckt Bodenheim dabei nicht zurück und zeigt auch an diesen Stelle sein großes Talent, in verständlichen Worten den Leser mit hinein zu nehmen in solche Fragen.

Ohne dabei den Leser zu verwirren, noch entscheidende Fragen (Kain und Abel, Opfer, ein mögliches, ganz neues Verständnis vom Wort „schlichter Mann“ in Bezug auf Hiob und einiges mehr) in ihrer Tiefendimension zu verwässern.

 

Hier setzt bereits die Eingangsfrage, warum die Bibel in innerem ersten Wort mit dem „zweiten“ Buchstaben des hebräischen Alphabets beginnt statt, wie eigentlich zu erwarten wäre, mit dem ersten Buchstaben dieses Aplphabets, den Beginn einer gut lesbaren, anregenden und informativen Lektüre, die sich um den Tod eines Lehrers einer liberalen jüdischen Schule in Zürich dreht.

 

Letztlich wird der gesamte Fall von Totschlag, der Rabbi Kleins Eingreifen erst auslöst, mehr und mehr mit der jüdischen Lebensweise und in bestimmten Gruppen geltenden Werten viel zu tun haben.

 

„Herr Rabbiner, sie stellen immer die eine Frage zu viel“, maßregelt die ermittelnde Kommissarin an einer Stelle den recherchierenden Klein.

Doch er kann nicht anders. Sein Pflichtgefühl, sein langsames Erkennen, was mit diesem Tod des Lehrers alles im Hintergrund mitschwingen könnte, lassen ihm keine Ruhe.

Ein Fall, der ihn vor entscheidende Gewissensfragen mit führen wird und in dem, außer seiner geliebten Frau, wenig andere ihn zu unterstützen vermögen.

 

Doch hartnäckig ist er, der Rabbi. Liberal und „modern“, was Bodenheim am Vergleich mit einer orthodoxen jüdischen Haltung in Israel aufweist, um an dieser Stelle zugleich dem Leser einen fast spielerischen Überblick über die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der jüdischen Tradition und des jüdischen Lebens in Europa und Israel mit auf den Weg zu geben.

 

In Verbindung mit den immer dramatischer sich entpuppenden Umständen des Todesfalles ergibt sich so eine sehr informative, hervorragend konzipierte, fundierte und dabei noch überaus unterhaltsame Lektüre, die (eher ungewollt) zu einer Zeit den Weg auf den Markt findet, in der eine Hinwendung und ein tieferes Verständnis des „modernen jüdischen Lebens“ angesichts all der „alten Parolen“ wichtig ist.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre

 

M.Lehmann-Pape 2014