Hanser 2015
Hanser 2015

Alfred Bodenheimer – Das Ende vom Lied

 

Ruhiger und intelligenter Kriminalroman

 

Kann es sein, dass der Mensch ein „Stalker Gottes“ ist? Das Judentum jemand anderem hinterherläuft, ständig Zeichen falsch deutet, meint, da würde einer Andeutungen machen, weil er seine Anhänger für etwas ganz Besonderes hält und eigentlich macht er (Gott) das gar nicht? Klopft gar nicht an irgendeine irdische Tür, wie man fälschlicherweise meint?

 

So ganz nebenbei wirft Bodenheimer nicht nur diesen theologischen Gedanken in die Entwicklung seiner neuen Geschichte hinein, an vielen anderen Stellen zudem blitzt seine Hintersinnigkeit auf, seine Fähigkeit, komplexe Überlegungen (und komplexe Personen) präzise vor die Augen des Leser zu führen.

 

Dass Rabbi Klein noch eine ganz andere Seite hat als jenes verbindliche, kommunikative, zurückhaltende Verhalten, da muss der Leser nur die kurze Szene des Telefonats mit seinem Synagogenpräsidenten genießen, oder der Anruf beim Musiklehrer seiner jüngeren Tochter, um zu wissen: „Stille Wasser sind tief“. Und das gilt auch für diesen ruhigen, geduldigen, nicht locker lassenden Rabbi.

 

Sei es in der Bewältigung des Alltags, der Führung der Gemeinde, der Anleitung eines Praktikanten oder eben im Blick auf diesen sehr, sehr merkwürdigen Todesfall, der ihm keine Ruhe lässt.

 

Rabbi Klein hat selbst Stalking erlebt, war hilflos, in seinen „guten Manieren“ gegenüber einer Frau, die im gesamten Umfeld wohl den Eindruck erweckte, dass Rabbi Klein nur aus seiner guten Erziehung heraus noch nicht „zugegriffen“ hat.

 

Und nun ist diese Frau Tod. Unter den Zug gekommen. Was eigentlich gar nicht erklärbar ist. Wo die Kamera auf dem Bahnsteig just in diesem Moment ausgefallen war.

 

Eine Frau, die nicht nur mit Klein selbst und seiner Gemeinde in Verbindung stand, die hier und da auch mit einigen „Stützen der Gesellschaft“ irgendwie Kontakt hatte.

 

Und wie das so ist, wenn Klein etwas keine Ruhe lässt. Auf seine ruhige Art und Weise beginnt er, zu fragen. Sich und andere. Ermittelt, wo er Gelegenheit dazu erhält und dringt so immer weiter und fast „wie nebenbei“ tiefer und tiefer in die familiären Verhältnisse der Toten und die hintergründigen Beziehungen der Beteiligten untereinander vor.

Vor allem, als es für Klein sehr, sehr persönlich werden wird.

 

In ebenso ruhiger und dennoch stringenter Weise, wie Klein den Faden des Todesfalles aufnimmt, erzählt Bodenheimer in feinem, differenzierten Stil von den Ermittlungen (und dem „drum herum“ des rabbinischen Lebens. In stetigem, nicht nachlassendem, aber auch nicht sich überstürzenden Tempo wirkt der Fortgang der Geschichte immer angemessen und „richtig“ in den Spuren, die miteinander langsam verdichtet werden, bis sich zum Schluss das gesamte Bild des Todes der Frau ergeben wird, wie das Ende des „Hohelied´s der Liebe“.

 

Differenziert in der Sprache, sorgfältig bis in die Nebenpersonen hinein (seien es die beiden Töchter des Rabbis, sei es sein „Tourette-Praktikant“) ist dieser Roman eine wahre Lesefreude und bietet zudem für den Leser eine angenehme und nicht überhebliche Erweiterung des Wissens über das jüdische Leben und die jüdische Religion.

 

M.Lehmann-Pape 2015