Hanser 2015
Hanser 2015

Alfred Bodenheimer – Der Messis kommt nicht

 

In feinem Stil verfasst und intelligent konzipiert

 

Wer blutige Action benötigt, Verfolgungsjagten und knisternde Spannung bevorzugt, der ist bei den klassisch angelegten Kriminalromanen um Rabbi Klein nicht an der richtigen Adresse.

Auch ein eher auf konkrete Fälle und deren Aufklärung konzentrierter Pater Brown ist als Vorbild dieser stilistisch anregenden und in sehr differenzierten Sprachstil verfassten Romane um Rabbi Klein nicht heranzuziehen.

 

Ruhig, gelassen und immer mit Tiefgang, so lässt Bodenheim nun bereits im dritten Fall den Rabbi der Züricher jüdischen Gemeinde mehr in sich ereignende Verbrechen hineinrutschen, denn dass dieser sich selbst als Hobby Detektiv verstehen würde.

 

Dass dieser innerlich auch Unsicherheit spürende, welt- und glaubenskluge Rabbi in sich Glaube und Tatkraft, Wissen um das Allzumenschliche und einen Blick für das Wesentliche an Situationen und Ereignissen vereint, führt nun allerdings dazu, dass er, wenn ein Verbrechen geschieht, innerlich kaum mehr zur Ruhe kommt. Was das gewesen sein könnte. Wie das zusammenhängt, warum der Mensch handelt, wie er handelt.

 

Wobei Klein eigentlich ein „Sabbatical“ angetreten hatte zur Forschung in Basel zu einer konkreten, historischen Frage um Sebastian Münzer herum. Was auch dem Leser übrigens nutzt, denn wie nebenbei führt Bodenheim unaufdringlich in komplexe theologische Themen ein, bietet handfeste Überlegungen und Anregungen zum Beispiel zu der Frage, ob ein Messias wirklich „kommen“ kann, oder eben immer „kommen wird“, so dass jeder Messias, „der kommt“ eben kein Messias sein kann.

 

Wobei diese Überlegungen nur mehr Begleiterscheinungen des Aufenthaltes in Basel sein werden, als ein Vorstand der dortigen Gemeinde auf einem Gemeindewochenende erschossen wird.

 

Rechtsradikale? Streit in der Gemeinde? Liebesdinge? Wirtschaftliche Frustration? Was könnte das Motiv sein? Denn Gelegenheit zu diesem Mord, die hatten so einige. Und, wie sich herausstellen wird, auch Motive sind nicht schwer zu finden.

 

Aber vielleicht ist es wie bei der Frage nach dem Messias, dass jene, die sich den Kopf zerbrechen, in die falsche Richtung schauen und zu sehr nicht hinterfragt zu Grunde legen, was ihnen als Fakten klar zu sein scheinen. Mord am Rechtsanwalt eben.

 

Erst Rivka, Kleins kongeniale Ehefrau mit ihrem ganz praktischen Verstand und ihrer ganz praktischen Lebensauffassung wird die wichtigen Fragen später stellen.

 

Wobei die eigentliche Aufklärung des Falles eher unprätentiös vonstattengehen wird, der Leser aber bis dahin mit Freude sich vertiefen kann in die differenziert und sehr real wirkenden Personen des Romans, in die Atmosphäre jüdischen Lebens (dass sich immer auch bedroht und ein stückweit ausgegrenzt vorfindet), in die Eigenheiten von Ritus und Tora, von Bräuchen und koscherem Essen (was „die Welt“ hier und da doch vor Probleme stellt und in Erstaunen versetzt). Bis hin zu den „Fremdeleien“ innerhalb der Gebiete der Schweiz, die selbst dem neuen Kommissar aus dem Nachbarkanton grundlegend ablehnend gegenüberstehen, weil er eben nicht aus dem eigenen, kleinen Biotop stammt.

 

 

Wie auch in den vorhergehenden Bänden ist dieser (gnädige) Blick auf das Menschliche, dieses Herausarbeiten der Feinheiten in den Personen und im sozialen Miteinander die tragende Säule des Romans und bietet eine unterhaltsame, intelligente und anregende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016