btb 2014
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Andrew Brown – Trost

 

Ermittlungen im Pulverfass

 

Trost können die Beteiligten dieses fast depressiv zu nennenden Kriminalromans in Kapstadt, Südafrika, durchgehend gut gebrauchen.

 

Allen voran Inspector Eberard Februarie. Mitten in einem Leben, das völlig aus der Bahn geworfen scheint. Dem Suff treu ergeben, ohne den geringsten Trost im Alkohol zu finden. Seine engste Beziehung bildet das Bettgespann mit Angel, einer cracksüchtigen Prostituierten, die selber Trost in rauen Mengen benötigen würde.

 

Seine Ehe zerstört, der Versuch, wenigstens zu seiner Tochter innerlich eng verbunden zu bleiben immer wieder unter starker Anspannung.

 

Und nun bekommt Februarie von seiner Vorgesetzten einen komplexen und äußerst sensiblen Fall zugewiesen. In einer der wichtigsten Synagogen der Stadt wird ein Junge in einer Art und Weise abgeschlachtet, die nur als rituell bezeichnet werden kann. Bedeckt von einem muslimischen Gebetsmantel inmitten einer allgemein explosiven Stimmung zwischen den Religionen, in einem Land, einer Stadt, das angesichts der explodierenden Korruption und der stattlichen Demotivation eigentlich alle Hände mit sich selbst voll hat.

 

Und warum hat nun gerade er diese undankbare Ermittlungsaufgabe bekommen? Warum muss er sich mit militanten Moslem, mit arroganten christlichen Pastoren und aggressiv klagenden Juden herum schlagen, die sich seit alters her auf den Straßen unversöhnlich gegneüberstehen?

 

Sicher, jene Yael, die er über den Fall kennenlernt, könnte ein Lichtblick sein. Aber selbst diese attraktive Frau bietet keine Wärme, sondern lässt ihn eher ein um das andere Mal wie auf eine massive Betonwand auffahren.

 

Spannung liegt in der Luft, die ersten Steine fliegen, Pistolen werden verdeckt getragen, Ermittlungen verlaufen im Sande, Ergebnisse passen nicht zusammen und bei all dem auch noch ständig gegen den Kater am Morgen ankämpfen zu müssen, raubt Februarie auch noch die letzten Kräfte.

 

Wenn da nicht dieser neue, junge Kollege wäre, der ihn aufrichtet, der ihm hilft, nicht locker zu lassen, wären die Ermittlungen sicher bald ergebnislos beendet. Doch ein letzter Rest an Stolz treibt Februarie um, ein Wissen um das, was geschehen wird in der religiös aufgeheizten Atmosphäre in Kapstadt, wenn er nicht schleunigst Ergebnisse vorzuweisen hat.

 

Und so langsam lichtet sich der Nebel. Mit dramatischen Folgen zunächst für Februarie und die Seinen, denn die andere Seite kennt kein Pardon.

 

Bestens trifft Andrew Brown die düstere, in Teilen apokalyptisch wirkende Atmosphäre in Kapstadt, die Korruption, die vielfachen verdeckten Machtinteressen bis in höchste Regierungsämter hinein. Und lässt als Gegenbild nicht nur Februarie als gebrochenen Helden mehr durch die Straßen taumeln als aufrecht seinen Weg ziehen.

 

Allerdings ist der Fall selbst, auch in seiner späteren Auflösung und manchen eher unrealistisch-zufällig wirkenden Ermittlungsergebnissen nicht in Gänze überzeugend. Vieles am später bekannt werdenden Hintergrund des Mordes an dem Jungen wirkt doch konstruiert, manche Erzählfäden (der anregende Kontakt zum jungen Rabbi) verlieren sich im Lauf der Geschichte zu sehr, manche Ereignisse bleiben stellen sich in den späteren inneren Zusammenhängen als nicht hundertprozentig überzeugend dar.

 

Wobei auf der anderen Seite Brown eine große Stärke darin zeigt, seine Figuren differenziert, mit Licht und Schatten und, vor allem, in ihrer Gebrochenheit und dem dennoch dahinter liegenden Mut überzeugend zu charakterisieren.

 

 

So verbleibt am Ende ein nicht ganz in sich stimmiger, aber in den Personen überzeugend und mit Spannung versehener Kriminalroman, der die Atmosphäre des Südafrika der Gegenwart mit seinen Spannungen und Brüchen überzeugend darstellt.

 

M.Lehmann-Pape 2014