rororo 2011
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Ann Cleeves - Opferschuld

 

Intelligent und Durchdacht

 

Ganz erstaunlich, welch interessanter Kriminalroman sich hinter dem unscheinbaren Äußeren des Taschenbuches verbirgt. Gut verständlich ist es, dass Ann Cleeves bereits den „Duncan Lawrie Dagger Award“ für eines ihrer vorhergehenden Bücher erhalten hat, denn sowohl im Stil, wie in der Tiefe der angelegten Figuren und auch in der Konstruktion des zugrunde liegenden Kriminalfalles zeigt sie auch in ihrem neusten Roman keine Schwächen. Selten gelingt es einem Autor zudem, den Leser so lange fast völlig im Dunkeln tappen zu lassen.

 

Das Buch selbst ist in zwei Teilen geordnet.

Die aus dem Vorgängerroman bereits bekannte, exotisch und ganz anders als gewöhnlich konzipierte Kommissarin Vera Stanhope (dick, derb, geschmacklos in Kleiderfragen, nie locker lassend, mit ganz eigenen Methoden und Gesprächstechniken ausgestattet, aber zur rechten Zeit menschlich durchaus einfühlsam und intelligent die Zusammenhänge zusammentragend) wird erst langsam zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, im zweiten Teil erst übernimmt die Figur das Zentrum der erzählerischen Perspektive.

 

Im ersten Teil des Buches stellt Ann Cleeves zunächst gründlich und durchaus fesselnd die beteiligten Personen vor. Hierbei legt sie wert auf den Hintergrund der Figuren, der sich allerdings erst Schritt für Schritt entwickelt und richtet ihr ganz besonderes Augenmerk auf die fast unmerkliche und daher tief hintergründige Verbundenheit aller Figuren untereinander und mit einem 10 Jahre zurückliegenden Mordfall.

Die damals erst 15 jährige Abigail wird von ihrer damals besten Freundin Emma tot in einem Graben aufgefunden. Als Mörderin wird ebenso rasch die Geliebte von Abigails Vater zur Rechenschaft gezogen, die sich nun, 10 Jahr später, nach Ablehnung einer Bewährungsmöglichkeit (wobei Emmas Vater Robert, der Bewährungshelfer, hier das ausschlaggebende Votum abgab), umbringt. Kurz bevor ein Zeuge zu ihrer Entlastung auszusagen vermag. Wenn aber nicht die Geliebte des Vaters die Mörderin war, wer dann?

 

Hier nun beginnt der Reigen des menschlichen Sumpfes, denn Ann Cleeves unnachahmlich vor den Augen des Lesers entspinnt. Emma, die beste Freundin, aber auch in der Tiefe mit hoher Aggression versehen, damals, gegen Abigail. Eine dunkle Seite, die bereits auf den ersten Seiten der nun verheirateten, jungen Mutter abzuspüren ist, denn ihre erotischen Fantasien gelten Dan, dem Nachbarn, nicht James, ihrem Mann. Dan, der interessanterweise 10 Jahre zuvor einer der ermittelnden Polizisten im Fall Abigail war, im Zuge dessen aber seinen Dienst quittierte. Ebenso übrigens, wie die damalige Leiterin der Ermittlungen, Constanze, die allerdings auch in der Gegenwart noch eine undurchschaubare Verbindung zu Abigails Vater aufzuweisen hat. James, der langweilige, spießige Ehemann Emmas zeigt sich im Verlauf der Ereignisse ebenfalls als ein Mann mit gut verdeckter Vergangenheit. Hat sogar Robert, Emmas Vater, Leuchte der reformierten Gemeinde in Elvet, dem Dorf der Handlung, Sozialarbeiter und Bewährungshelfer das ein oder andere an Geheimnis mit sich zu tragen?

 

Tiefen und Andeutungen, die Vera Stanhope vom  Rande her beginnt, aufzurollen. Als aber ein zweiter Mord geschieht und der Tote ebenfalls in Verbindung mit dem damaligen Mord und Abigail selbst gebracht werden kann, nehmen die Ermittlungen und das Tempo des Romans enorm an Fahrt auf. Und lassen den Leser doch weiter im Unklaren über das, was damals wirklich passierte, welches Motiv hinter den beiden Morden stehen könnte und, vor allem, wer für die Morde verantwortlich ist.

 

Hervorragend geschrieben, wunderbar flüssig zu lesen und mit finessenreichen Figuren versehen, von denen keine sich letztendlich als das herausstellt, was an der Oberfläche gedacht werden könnte, vermag der Roman überaus zu fesseln. Ohne zu künstlich wirkenden Konstruktionen oder effekthascherischer Action greifen zu müssen, gelingt es Ann Cleeves, einen wirklich interessanten Fall realistisch und lebendig in den Raum zu setzen, der genauso von der Mördersuche wie von den schillernden Figuren und Querverbindungen getragen wird. Mit Vera Stanhop ist ihr zudem eine Ermittlerin geglückt, die nach Fortsetzungen fast schon ruft. Sehr empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2011