Piper 2013
Piper 2013

Anne Holt – Schattenkind

 

Verdecktes Familiengeschehen

 

Es ist die Zeit des Amoklaufes in Norwegen.

 

Ein Geschehen, dass Anne Holt nicht in den Vordergrund ihres sensiblen Kriminalromans stellt, dass aber im Hintergrund stetig mitläuft und hier vor allem als Erklärung dafür dient, dass die erfahrenen Polizisten alle Hände voll zu tun haben und damit der häusliche Todesfall eines achtjährigen Jungen wenig Beachtung findet in den offiziellen Ermittlungen, von Beginn an als geklärt schon gilt. Nur ein unerfahrener Polizist soll die Formalitäten dieses „Sturzes von der Leiter“ ordentlich abwickeln, mehr wird nicht erwartet.

 

Das Kind einer entfernten Jugendbekannten der aus Vorgängerbüchern bereits bekannten Inger Johanne Vik, Psychologin, ist das Opfer. Kurz vor Beginn eines Festes im Hause der Eltern. Als Inger eintrifft, liegt der Junge bereits tot am Fuß der Leiter im Wohnzimmer.

 

„Ich hätte besser aufpassen müssen“, stöhnt der Vater, Jon Mohr.

„Jon hat nicht aufgepasst“, winselt die Mutter, Ellen Mohr.

 

Kernsätze des Buches, im Übrigen, die sich wie ein roter Faden durch die verwirrenden Verhältnisse der Eheleute und deren Umfeld durchziehen, bis erst zum Schluss dieses sehr spannenden Romans sich die eigentliche Bedeutung dieses „Aufpassens“ erschließen wird.

 

Denn was so klar als Unfall des „Zappelphillips“ Sander erkennbar scheint, was offenkundig mit dem ausgeprägten ADHS Syndrom des Jungen zusammenzuhängen scheint, entpuppt sich schon beim ersten, näheren Hinsehen als überhaupt nicht einfach.

 

Der Vater, Jon, packt der den Jungen zu hart an? Sind die vielen blauen Flecke der Vergangenheit, die „Veilchen“ an den Augen, der gebrochene Arm wirklich vom Jungen selbst verschuldet? Was hat es mit dem ominösen Inhalt von Jons Laptops auf sich, den Ellen „entsorgt“?

Der Freund und Geschäftspartner Jons, Joachim, für Sander eine Art „bester lieber Onkel“, bei dem Sander oft übernachtet, war da alles im guten Rahmen oder wie sah das Verhältnis zwischen Kind und „Onkel“ genau aus?

 

Dinge, auf die der junge Polizist, Henrik Holme, bei seinen Ermittlungen stößt. Ermittlungen, die er auf eigene Faust angeht. Der junge Mann will sich beweisen und hat sich verbissen in diesen Fall. Und es gibt ja auch genügend Indizien, die nicht zueinander passen. Die Eltern Ellens, zu denen Ellen den Kontakt abgebrochen hat. Die Mutter Jons. Die Betreuungskraft Sanders, alle erzählen Dinge, die kein gutes Licht auf den Jon, den Vater werfen.

 

Inger Johanne Vik geht derweil in ihrer eigenen Weise den Geschehnissen nach. Eine anonyme SMS setzt sie auf die Spur er hintergründe dieses vermeintlichen Unglücks. Und auch sie vermag kaum zu glauben, was ihr mehr und mehr in die Augen fällt. Wobei sie zudem noch mit ganz eigenen Veränderungen in ihrem Leben konfrontiert wird.

 

Anne Holt wählt ein schweres Thema, in dem Schuld, Kontrolle, unruhige Kinder, überforderte Erwachsene, nicht-hinschauende Offizielle und jeweils ganz eigene, verdeckte Interessen sich überschneiden und erst ganz zum am Ende hin in überaus überraschender Weise sich aufklären werden.

 

Wobei es, mit dem Fall selbst nicht mehr zusammenhängend, gerade die Schlussszene des Buches noch einmal massiv in sich hat und den Leser völlig überraschen wird.

 

Ein aufrüttelnder Fall, überzeugend und differenziert dargestellte Personen, Spannung bis zum Schluss, überraschende Wendungen und ein sensibles Thema, all das verbindet Anne Holt in diesem überzeugenden Roman.

 

M.Lehmann-Pape 2013