Oetinger 2013
Oetinger 2013

Antonia Michaelis – Nashville

 

Thriller für junge Erwachsene

 

Ähnlich wie das Alter der Hauptperson dieses neuen Romans von Antonia Michaelis, ist sicherlich auch die Zielgruppe des Buches einzuordnen. Junge Erwachsene von 18, 19 Jahren. Denn neben der durchaus spannenden und verwickelten Seite des Thrillers mit Mord und Blut, greift Michaelis intensiv die Erlebniswelt der (endgültigen) „Abnabelung“ auf.

 

Svenja bezieht ihre eigene Wohnung in der neuen, fremden Stadt Tübingen, als Studentin der Medizin. Umgehend findet sie in der neuen, leicht baufälligen Wohnung ein Kind. Kopfüber stehend im Küchenschrank. Ein Kind, das nicht redet, sehr gewandt und behände ist, auf dem T-Shirt einen Werbeaufdruck von Nashville trägt und damit seinen Namen zunächst weg hat.

 

Ein Kind mit einem dunklen Geheimnis, wie sich feststellen lassen wird, das öfter unverhofft in Panik gerät. Ein Kind, das zu den Leuten „zwischen den Zeilen“ gehört. Ausgesonderte.  Obdachlose. Die man nicht sieht oder gerne übersieht. Zwischen den Zeilen des Lebens eben.

 

Das Geheimnis dieses Kindes und zunächst eines Mordes in Tübingen (der nicht der letzte bleiben wird) bildet den Thrilleranteil des Buches. Svenja, die Nashville ins Herz schließt, übernimmt Verantwortung. Sie weiß, dass der traumatisierte Junge ein Weggeben an Heim oder Polizei nicht verkraften würde.

 

Gleichzeitig aber ist sie mit sich selbst intensiv beschäftigt. Sieht denn sie eigentlich einer? Wie soll sie zu recht kommen in einer zunächst normiert und fleißig wirkenden Welt der Medizinstudenten? In der sie schon von der Kleidung und Frisur her nur exotisch wirkt.

Und wohin mit den vielen erwachenden Bedürfnissen nach Nähe, Liebe, auch Erotik? In all diesen fremden Strassen und Gassen? Und dazu dieses merkwürdige Kind? Kein Wunder, dass die Welt Svenjas aus den Fugen bleibt, sie zunächst nicht wirklich Fuß fasst in diesem studentischen Leben

 

Doch Kontakte ergeben sich, jeder für sich ein Unikat. Friedel, Mitstudent, und bald unrettbar in Svenja verliebt. Dessen Mitbewohner im besetzten Haus, allen voran „Kater Carlo“ mit seiner ganz eigenen Lebensweise. Der junge Arzt, den sie im Cafe das erste Mal sieht und zu dem sie sich hingezogen fühlt (doch was tun mit dessen Verlobter und seiner Nichtbeachtung erstmal?). Auch Nils, Burschenafter, Unsympath, kreuzt an merkwürdigen Orten ihren Weg. Oder gar dieser eine Obdachlose, der „zwischen den Zeilen“, der hat doch auch was (vor allem im „Werwolfspiel“ spürt Svenja die innere Kraft dieses jungen Mannes).

Samt der in der Nachbarschaft wohnenden Kathleen ergibt sich ein äußerst buntes Volk um Svenja herum in Tübingen. Was im übrigen Svenja, soviel sei verraten, auch im erotischen Bereich kein Kind von Traurigkeit sein lässt (wenn auch Michaelis die explizit sexuellen Szenen und Begegnungen mehr oder minder nur andeutet und nicht ausformuliert schildert).

 

Durchaus lebendig also geht es zu im Roman bei der Begleitung der Protagonistin im neuen Leben, aber auch verzwickt, gefährlich und blutig. Dies alles in einer Sprache, die hier und da doch noch mit zu einfachen, kindlicher Vorstellung entsprechenden Bildern arbeitet („eine großartige Welle aus Licht und Luft kam hereingeflutet, die blankgewetzten Stellen glänzten golden“, oder auch „der Himmel über Ihnen war blauer als Kaugummi“ (ist der blau?)).

 

Zudem wirkt die Tolpatschigkeit und Verträumtheit, das hier und da geschilderte innere Wegdriften Svenjas doch an manchen Stellen übertrieben.

 

Dennoch aber ergibt sich eine unterhaltsame, spannende Lektüre, die, sicher sehr pointiert durch die exotischen Protagonisten mit abenteuerlichen Haltungen und Hintergründen,  gerade die innere Neuorientierung im ganz eigenen Leben gut ausleuchtet und lesenswert darstellt. Und anhand der Protagonisten exemplarisch Lebenshaltungen der „jungen Generation“ plastisch vor Augen führt. Mitsamt einer ausgeklügelten Mordgeschichte mit sehr überraschendem, auch dramatischem Ende.

 

M.Lehmann-Pape 2013