Ullstein 2011
Ullstein 2011

Antonin Varenne - Fakire

 

Selbstmorde und Todesfälle

 

Eine fast surreale Welt in der französischen Hauptstadt ist es, in der Antonin Varenne seine fast ebenso surreal anmutende Geschichte ansiedelt.

Zumindest aber die dunklen Ecken von Paris sind es, die häufig in den Blick gerückt werden von den Protagonisten der Geschichte, die ebenfalls dunkle, dem Wahnsinn nahe Seiten nicht nur in sich, sondern ganz offenkundig nach außen hin tragen.

 

Surreale Selbstmorde verbinden im Lauf des Buches zwei Erzählstränge miteinander. Der eine Strang wird getragen von Kommissar Guérin, nach einem Zusammenbruch abgeschoben mit einem eher tumb wirkenden Mitarbeiter in die Sparte „Selbstmorde“ der Pariser Polizei. Einer, der immer auf der Kante zum Wahnsinn zu jonglieren scheint, der alles mit allem in Verbindung seiht und mehr Opfer denn Akteur seiner inneren Bilder ist. Auch wenn er einen der Selbstmorde verhindern kann, eine solche Häufung merkwürdiger Selbstmorde kann für ihn kein Zufall sein. Als dann noch ein Teil der Mordkommission in einem anderen Fall die Nerven verliert und vom Dienst suspendiert wird, übernimmt er die Ermittlungen der aufsehenerregenden Todesfälle.

 

Einer dieser Todesfälle ist jener von Alan, der als Fakir im düstersten, erotisch-pornographischen Umfeld auftritt und sich bei einem dieser Auftritte vor aller Augen verbluten lässt, hängend an zwei Fleischerhaken an der Decke. Sein Freund und Therapeut John Nichols reist aus der französischen Provinz nach Paris, um die letzten Angelegenheiten Alans, des heroinsüchtigen Piercingfanatikers, zu ordnen. Und sieht sich umgehend persönlichen Bedrohungen ausgesetzt. Beileibe ist John Nichols trotz seines Berufes nicht der „normale“ Mensch, der nun den zweiten Erzählstrang schultert. Er selbst lebt auf einem verwilderten Grundstück in der Provinz in einem Tipi, trägt indianisch anmutende Kleidung und reist tatsächlich mit Pfeil und bogen nach Paris.

 

Surreale Figuren, gebrochene Persönlichkeiten, die dennoch eines vereint: Dass, was sie als Aufgabe empfinden und annehmen nehmen sie ganz auf sich. Mit jeder Faser seines Seins verfolgt Guérin die Aufklärung der Selbstmorde und setzt sich Nichols auf die Spuren seines toten Freundes. Beide treffen als Gegner und Verbündete auf teils ebenso sonderliche Personen, niemand im Buch legt seinen Lebensweg ungebrochen zurück.

 

Erst ab der Mitte des Buches deutet Varenne eine Verbindung aller Vorfälle an, erst zum Ende der sich im Tempo steigernden Ermittlungen versucht er vor den Augen der Leser offen zu legen, wie sehr Guérin der Wahrheit nahe wahr, das alles mit allem verbunden ist. Ein Versuch, der allerdings nur mäßig gelingt und äußerst konstruiert wirkt.

 

Sprachlich setzt Varenne seine surreale Geschichte bilderreich, düster und emotionsgeladen um. Knappe Sätze, präzise Dialoge und Protagonisten mit genauso viel Innen- wie Außenleben irren, suchen, taumeln teilweise durch die Strassen und Parks von Paris, mehr von der Intuition geleitet denn von logischen und deduktiven Ermittlungsergebnissen.

 

Antonin Varrenne ist ein anderes Buch gelungen, mit einer ganz eigenen Sprache und einer ganz eigenen Atmosphäre, die noch am ehesten mit der harten und düsteren Welt eines James Ellroy vergleichbar wäre, aber einen ganz eigenen Akzent setzt, der einen nicht loslässt, wenn man sich auf diese besondere Art und die besonderen Personen im Buch einlässt. Eine Atmosphäre, die Ungereimtheiten in der Konstruktion der Geschichte aufwiegt.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Antonin Varenne

 

geboren 1973, studierte in Paris Philosophie. 2009 erhielt er den Prix Michel Lebrun sowie  den Prix Sang d'Encre.

 

(Quelle: Ullstein Verlag)