Piper 2013
Piper 2013

Arne Dahl – Bußestunde

 

Hervorragend

 

Auch wenn Arne Dahl das „Rad des Rache-Thrillers“ nicht neu erfindet und sicherlich an andern Orten noch brachialere Serienmörder ihr Unwesen getrieben haben mit noch brutaleren Morden, die sprachliche Umsetzung dieses Thrillers, wie auch die Verbindung all der vielen Fäden im Buch sind Arne Dahl hervorragend gelungen.

 

Der zehnte Fall der Abteilung A der schwedischen Polizei mit ihren Figuren, die dem Leser mittlerweile sehr vertraut sind, erweitert noch einmal das Kaleidoskop der verschiedenen Persönlichkeiten dieses „Dahl-Kosmos“. Es gab Tote in  der Abteilung, es gibt eine tödliche Krankheit, Liebe hat sich zusammengefunden, bewährte Konstellationen von Ermittlerduos treten neben neue Verbindungen und das alles legt Dahl in Ruhe und gründlich vor die Augen des Lesers. Lässt seinen Blick schon zu Beginn über seine Ermittler schweifen (ein Blick im Übrigen, der auch später im Buch eine gewichtige Rolle spielen wird).

 

Und beginnt dann, verschiedene Fäden zu weben, verschiedene Ermittlungen auf den Weg zu bringen, die zunächst völlig unverbunden nebeneinander stehen. Der Überfall auf einen Videoladen durch einen Junkie. Das „Ausräumen“ von Geldautomaten. Das Verschwinden des wichtigsten Spions des Landes. Ein kranker Kollege, der sich an einem unscheinbaren Talisman festhält. Die Tochter eines hervorragenden Ermittlers, die ihre Anorexie sichtbar nach außen trägt und Hilflosigkeit zunächst erzeugt. Ein Serienmörder, der gezielt scheinbar (und dennoch auch ein stück wahllos) anorektische junge Frauen zu sich lockt und brutal tötet, ausbluten lässt, foltert.

 

Fäden und Ereignisse, die jedes für sich zu stehen scheinen, die dann aber Schritt für Schritt in einer Art und Weise zusammenkommen, die in sich geschlossen, realistisch und überzeugend ein großes Ganzes ergeben werden. Nach langen Wegen.

 

Wege übrigens, auf denen Dahl auch geschickt seine Grundüberzeugungen, seine Sicht auf eine sich sozial selbst zerstörende Welt, auf gierige und egozentrische Menschen eindrucksvoll in Szene setzt. In Form eines kleinen Tagebuches des verschwundenen Meisterspions wird organisch und beeindruckend ins Buch integriert, wie der Autor selbst ein stückweit an der Welt und der Gesellschaft verzweifelt.

 

„Die Welt war noch kränker, als selbst er es sich hat vorstellen können. Die Wirklichkeit übertraf immer die Dichtung“.

Aber „es gab kein zurück. Wenn er jetzt kehrt machte, würde er es sein ganzes Leben und für alle Zukunft bereuen“.

 

In einem Kollegenkreis, in dem weder Trauer noch Freude Tabu sind, in dem die Chefin beständig ein Grab besucht, um sich über sich selbst klar zu werden und die auf den Tod Kranken oder bereits pensionierten Kollegen ihre Verbindung halten.

 

Ermittler, denen Dahl, bei allem Anlass, zu Menschenfeinden zu werden, zu resignieren, aufzustecken, die Brocken hinzuwerfen, immer wieder Stärke zuschreibt, sie nicht zu Misanthropen werden lässt, denen Dahl aber durchaus gegen die herrschende Moral und gegen die herrschenden gesetzlichen Regeln Freiräume eröffnet, in aller Härte auch ganz eigene Wege gehen zu lassen. Das Thema Selbstjustiz spielt in ebenso eine gewichtige Rolle im Buch wie das Mobbing, das Wunden fürs Leben reißt und der Schlankheitswahn mit lebensgefährlichen Folgen, den die Gesellschaft hervorbringt. Es ist schon eine Kunst für sich, all diese Kritik an der Welt und den egomanischen Entwicklungen nicht moralinsauer dem Leser hinzuwerfen, sondern das alles passend und in sich geschlossen in eine einzige, in sich geschlossene Geschichte zu fassen, die zudem noch spannend erzählt wird und menschliche Abgründe in vielerlei Form offenbart.

 

Ein hervorragendes Buch und gut, dass Arne Dahl am Ende noch Hoffnung darauf macht, dass sie Abteilung A noch nicht ganz am Ende ihres Weges sein muss.

 

M.Lehmann-Pape 2013