Droemer 2014
Droemer 2014

Bernhard Minier – Kindertotenlied

 

Intensiv und spannend

 

„Seiner Meinung nach wollte Hirtmann nur zweierlei: Seine Freiheit und seine Aktivitäten wieder aufnehmen“.

 

Die Aktivitäten eines intelligenten, sich sozial bestens und sicher bewegenden Serienmörders, der zuvor Staatsanwalt war und im vorherigen Thriller aus einer bestens gesicherten Anstalt für Psychopathen entkommen war.

 

Seitdem sit einige Zeit vergangen, aber den damals ermittelnden Kommissar Martin Servaz, der in der Einöde der verschneiten Berge fast sein Leben verloren hätte, lässt dieser Hirtmann nicht los.

 

Zunächst aber wird er nach Marcaz gerufen. Frankreichs Ort der Eliteschulen. Auch seine eigene Tochter geht hier zur Schule, vor allem aber war er selbst zu Zeiten dort Schüler. Seine Jugendliebe ruft ihn zu Hilfe. Eine Lehrerin ist in ihrem Haus brutal ermordet worden und der Sohn der Jugendliebe steht unter Mordverdacht.

 

Ein Eifersuchtsdrama? Einfach zu lösen? Mehr eine private Anspannung für Servaz, der dieser Frau nach Jahrzehnten das erste Mal wieder begegnet? Und zugleich seinem damals besten Freund, der eine Rolle bei der damaligen Trennung des Liebespaares spielte?

 

Wenn da nicht am Schauplatz des Mordes laut die Musik Mahlers ertönt wäre. Die „Kindertotenlieder“. Der Lieblingskomponist von Servaz und zugleich von Hirtmann. Ist der Serienmörder wieder aufgetaucht?

 

Was aber haben die Freunde Hugos, der verdächtigen Schülers, mit all dem zu tun? Welche Verbindung besteht zu einer noch lokalen und sicher bald landesweit politischen Größe? Wer verfolgt Servaz in einem leeren Gebäude und wirft ihn fast vom Dach? Begibt sich seine Tochter Margot in Gefahr, als sie auf eigene Faust ihre Ohren offen hält?

 

Was sich als klare Sache zunächst darstellte, nimmt immer verwickeltere Formen an in dieser französischen „heilen Provinzwelt“. In der auch die zweite, damals im Institut beteiligte Polizistin, Irene Ziegler zum zweiten Teil des Buches hin ihre Rolle spielen wird.

 

Sehr nahe bringt Minier seine Figuren dem Leser, lässt Rätsel über deren Inneres offen, die den Betrachter zu Überlegungen anregen, führt in die Vergangenheit seines Servaz ein, zeigt die Licht und Schattenseiten in den Figuren und erzeugt im Gesamten eine intensive und dichte Atmosphäre der Personen und der Ereignisse.

 

Wobei jener Hirtmann gar nicht in den Vordergrund tritt, lange Zeit zumindest nicht, falls er überhaupt mit diesen Ereignissen nun zu tun haben sollte und dennoch im Denken und Fühlen der Hauptpersonen eine tragende Rolle einnimmt.

 

Dieses „nicht davon loskommen“, von Geistern der Vergangenheit, diese ganz eigenartige und klare, „altmodische“ Haltung und Herangehensweise des Kommissars inmitten einer bildkräftig und lebendig geschilderten französischen Umgebung ergeben, mit der sich stetig steigernden Spannung, eine sehr fesselnde Lektüre.

 

 

Alles in allem ein rundum gelungener Thriller, der es versteht, den Leser durchgehend in seinen Bann zu ziehen und einen sehr intelligent und hintergründig angelegten Fall vor Augen zu führen.

 

M.Lehmann-Pape 2014