Hoffmann & Campe 2017
Hoffmann & Campe 2017

Britta Bolt – Der Tote im fremden Mantel

 

Intelligent verstrickter Fall, durchaus mit Spannung und viel Lokalkolorit

 

„Ruhe überkam ihn – kühl und scharf umrissen……So fühlte sich das also an. Angst“.

 

Und das zu Recht, denn zuvor war Pieter Posthumus, stets adrett und ausgewählt gekleideter Beamter für die „einsamen Toten“ Amsterdams noch nie in einer solchen Situation, in der er sich gegen Ende des Buches, mit Fußfesseln versehen und grün und blau geschlagen, wiederfindet.

 

Was aber eine ganze Strecke an lange Zeit in ihrem Zusammenhang undurchschaubaren Ereignissen in Anspruch genommen hat. Bei der der Kommissar de Boer fast ebenso lange nicht wirklich die Qualitäten des „Ermittlers wider Willen“ erkannt und genutzt hat.

 

Aber auch in diesem Verhältnis schreitet eine Entwicklung langsam, aber stetig voran, bis ein durchaus vertrautes Verhältnis der beiden „Ermittler“ sich langsam breitmacht.

 

Ein großer Umweltkongress findet in Amsterdam statt. Und einer, der vor längerer Zeit aktiver Teil dieser Bewegung war und dann in den Augen alter Weggefährten schmählich „die Seiten gewechselt hat“, Ben, wird schwer mitgenommen in einer dunklen Unterführung gefunden. Hat da der alte Junkie mit zu tun, dessen Leiche gefunden wird und der den teuren Mantel des Beraters großer Unternehmen trägt?

 

Und was hat es auf sich mit Christina, einer alten Freundin eben des Überfallenen und der guten Freundin von Posthumus, Gabi? Die zu spät zu einem Treffen mit Ben kam und sich massiv Vorwürfe zu machen scheint. Auch wenn bei ihr „altes Geld“ im Hintergrund steht, steht sie doch auf der Seite der Aktivisten und bietet diesen ihre vielfachen Kontakte zu hohen Politikern und wichtigen Prominenten an.

 

Während im Buch die, in den vorhergehenden Bänden zentral gesetzten, privaten Beziehungen und Verflechtungen des Pieter Posthumus zu Anna, seine Ex und zu Merle, seiner letztlich erst „wiedergefundenen“ Nichte, eher in den Hintergrund treten, konzentriert sich das Autorenduo dieses Mal intensiv auf den Fall an sich.

Auf die Nebenverwicklungen alteingesessener Krimineller mit dem Anschlag, auf die „alte“ (im wahrsten Sinne des Wortes) Hausbesetzerszene Amsterdams (die ein besonderes „Schmankerl“ mit einigen Teilnehmern des Kongresses geplant hat), auf das Rotlichtmilieu bar jeder „Romantik“, bei dem im Buch in aller Klarheit die menschenverachteten Seiten dieses „Geschäftes“ mit benannt werden.

 

Lobbyisten gegen Aktivisten, verdeckte Motive, die auch Mord nicht scheuen und mittendrin der empathische Schöngeist Posthumes, der einfach etwas „Ungeordnetes“ so nicht stehen lassen kann.

 

„Posthumus hatte Fantasie und einen Blick für Details“, so zumindest sieht es auch Kommissar de Boer so langsam ein. Einer eben, der den Brotkorb im Restaurant strikt parallel zur Tischkante ausrichtet, ohne darüber überhaupt nachzudenken.

 

„Er konnte die Puzzleteile nicht liegen lassen, er musste sie zusammensetzen, musste die Geschichte dahinter finden“.

 

Vorher findet der Mann keine innere Ruhe und Frieden.

 

Schön zu lesen ist es, wie das Autorenduo seinen Posthumus in diesem Band weiterentwickelt, wie nebenbei vielfache Informationen zum „Innenleben“ des Mannes mit einstreut, zusätzlich zum Problem der Gentrifizierung Amsterdams, den alten „Fronten“, den Veränderungen der Moderne, die nicht jedem gefallen und immer mehr Widerstand hervorrufen bei den „alteingesessenen“ Bewohnern der Innenstadt.

 

 

Ein, wieder einmal, in sich stimmiger, intelligenter Kriminalroman, in dem die Stadt ebenso eine gewichtige Rolle spielt, wie die, bis in die „Nebenrollen“, gut besetzten Personen, Beziehungen und Atmosphären im Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2017