Heyne 2017
Heyne 2017

Carla Berling – Sonntags Tod

 

Eingängiger Regional-Krimi

 

„Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, als die Beine unter ihr nachgaben. Sie streckte die Hand aus und griff im Fallen nach Andy. Er konnte gerade noch verhindern, dass seine Mutter ohnmächtig auf dem Boden aufschlug“.

 

Bis es soweit ist, dass Elsa, Witwe eines ostwestfälischen Großbauern, Mutter von vier Söhnen, oft in der Ehe mit Gewalt konfrontiert gewesen, zu Boden sinkt, ist schon eine ganze Weile im Buch vergangen.

 

Und immer noch ist der Leser zwar voller Ahnungen, was hinter all den mysteriösen Todesfällen aus Gegenwart und Vergangenheit stecken könnte, hat aber weiterhin genauswenig Gewissheit, wie Ira. Die junge Journalistin, im Provinzkaff dort aufgewachsen und, nach Jahren in der „großen weiten Welt“ (Köln) wieder zurückgekehrt.

 

Wo sie ihre alte Schulfreundin tot vorfindet. Wohl ermordet von ihrem Mann, warum auch immer. Wo ein Junge inzwischen erwachsen geworden ist, der wohl seinen Großvater (Elsas Mann und Großbauer) vor 14 Jahren versehentlich erschossen hat. Wo der jüngste Sohn der Bauernfamilie just seit diesem Geschehen einfach verschwunden ist (mit Plan und Ziel, wie sich herausstellen wird, auch wenn er daran wohl scheiterte). Wo der älteste Sohn der Familie, Andy, von Beginn an das Herz Iras schneller schlagen lässt (auch wenn beide schon das 50. Lebensjahr hinter sich gelassen haben).

 

Mehr und mehr wird Ira in diese Familie mit den nicht wenigen dunklen Geheimnissen ihrer Angehörigen hineingezogen und verbeißt sich regelrecht in die Aufklärung all dieser Tode und dieses Verschwindens. Wobei zwei alte Frauen, die auf dem Hof Leben, durchaus das ein oder andere beisteuern können und zudem ein in der Nähe gelegenes, ehemaliges Waisenhaus eine über aus düstere Rolle einnehmen wird.

 

Dass dabei Ira in wenigen Wochen und mit eher schlichten Recherchemethoden des ein oder anderen „Klicks“ auf Ergebnisse stößt, die Elsa, der Mutter, trotz Privatdetektivs zu Zeiten verschlossen geblieben waren. Dass in der Familie so wenige so viel nicht gesehen und bemerkt haben wollen, dass der getötete Ehemann Elsas eine überaus dramatische Kindheit im Waisenhaus verlebt hat, diese eher „leicht“ fallenden Ergebnisse der Recherchen wirken dabei auf Dauer zwar ein stückweit unrealistisch und manches „sich bedeckt halten“ wirkt am Ende der Lektüre auch zu sehr auf Geheimnis getrimmt, dennoch bietet Carla Berling einen flüssig verfassten Kriminalroman, der sich eines dunklen Kapitels menschlicher, übergriffiger Sexualität annimmt, das den Leser immer mehr auch emotional mit in diese düstere Familiengeschichte und -Situation hineinnimmt.

 

Sprachlich eher schlicht gehalten (was gut zu den Protagonisten passt und durch, immer wieder eingestreute, Mundartbrocken aufgelockert wird), ist es doch auch mit einer gewissen Spannung versehen, der Auflösung all der merkwürdigen Haltungen und Ereignisse aus über einem Jahrzehnt Familiengeschichte entgegen zu lesen.

 

Alles in allem eine klassische Kriminallektüre, die das „Wegsehen“ in kleinen Orten ebenso mit zum Thema hat, wie die Härten des Lebens, die gerade unschuldige Kinder für das ganze weitere Leben deformieren können.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017