Fischer 2011
Fischer 2011

 

Chevy Stevens – Still Missing

 

Entführt

 

Annie O´Sullivan befindet sich gerade auf dem Weg auf die Sonnenseite des Lebens. Ein wenig getrübt durch das angespannte Verhältnis zu ihrer alkoholsüchtigen Mutter und dem wenig greifbaren Stiefvater. Ansonsten aber läuft es prächtig.

 

Im Beruf als Maklerin hat sie gerade einen großen Fisch an Land gezogen. Mit ihrer besten Freundin Christina verbindet sie eine feste Beziehung, mit ihrem neuen Freund Luke bahnt sich eine feste Beziehung an, alles also seiht ganz nach einem wunderbaren Jahr aus.

 

Doch etwas muss da schief gegangen sein, denn der Leser lernt Annie gleich zu Beginn des Buches in ihrer ersten Sitzung mit einer Therapeutin kennen, mit deren Hilfe das Trauma einer Entführung aufgearbeitet werden soll.

 

Annie wurde, einfach so, bei einer Hausbesichtigung von einem ihr völlig unbekannten Mann entführt. Ein gut vorbereiteter Mann, denn er kennt sie. Er hat die Entführung sorgfältig geplant, eine Hütte ist ausbruchsicher vorbereitet, Annie soll sein Eigentum werden und sein. Über Wochen und Monate hinweg begeht der Entführer keinen Fehler, bis Annie eines Tages ihre Chance erhält und nutzt.

 

Doch gemeinsam mit dem Polizisten Gary schwant ihr mehr und mehr, dass mit ihrer Flucht die Hintergründe der Entführung noch lange nicht aufgeklärt sind und mehr hinter all dem stecken muss, als dass sie ein rein zufälliges Opfer des Mannes gewesen ist.

 

Im ersten Teil dieses Erstlingswerkes schildert Chevy Stevens intensiv und minutiös die inneren Vorgänge in Annie, ihr Aufbegehren gegen den Entführer, ihre Verzweiflung in auswegloser Situation. Akribisch lässt Stevens den Leser die innere Veränderung und Entwicklung ihrer Protagonisten vor Augen erstehen, all dies erzählt Annie im Buch zunächst als Rückschau im Rahmen ihrer Therapie. Dann aber, im zweiten Teil, schwenkt das Buch um in die Gegenwart und die therapeutischen Sitzungen werden mehr und mehr Zeugnisse der aktuellen Suche nach den wahren Hintergründen und Hintermännern der Entführung.

 

Einiges an Überraschungseffekten taucht nun Seite für Seite auf bevor die unglaublichen Hintergründe offen vor Augen liegen. Und auch hier begleitet Chevy Stevens ihre Protagonisten Annie weiterhin auch im Blick auf ihre innere Entwicklung und Verarbeitung der Ereignisse.

 

Sprachlich flüssig geschrieben hat Chevy Stevens einen klaren Blick auf die psychologischen Vorgänge im Inneren des Entführungsopfers und versteht es, diese lebendig zu schildern. Teils aber wird die Erzählweise im Rahmen der gut 400 Seiten des Buches doch hier und da ein wenig langatmig, gerade im mittleren Teil. Von der Idee her aber ein durchaus anregender, neuer Ansatz und in der Konstruktion der Geschichte in sich logisch aufgebaut. Auch wenn die überraschende Auflösung der wahren Hintergründe doch ein wenig weit her geholt scheint.

 

Ein solider Thriller mit kreativen Ansätzen, durchaus überraschenden Wendungen, in Teilen aber auch langatmig und hier und da zu dick aufgetragen.

 

M.Lehmann-Pape 2011