Heyne 2012
Heyne 2012

Chris Morgan Jones – Der Lockvogel

 

Hervorragendes Debüt

 

„Warum sollte sie es mir zeigen“?

„Weil Sie der Mann sind, der den Mörder ihres Mannes zu Fall bringen kann. “.

 

Richard Lock wäre dieser Mann. Anwalt, Strohmann, einer der an der Nahtstelle vielfach dubioser Geschäfte eines Russen namens Malin steht. Der dafür sorgt, dass das aus Russland kommende Geld (von dem Lock einfach nicht weiß, wo es wirklich herkommt) im Westen anlegt. Firmen gründet, alles auf seinen Namen. So dass Malin geschützt in Moskau sitzt. Und der mit Malins Patenkind verheiratet war.

 

Jener Richard Lock, gegen den ermittelt wird. Der ins Fadenkreuz der beteiligten Kräfte gerät. Ein alter Geschäftsfeind Malins hat dies alles in Bewegung gesetzt und auch jene Ermittlungsfirma beauftragt, alles zu finden, was Malin schaden könnte, für die Ben Webster arbeitet.

Der ehemalige Journalist hat sich darauf spezialisiert, zu recherchieren und das auszugraben, an dem andere sich die Zähne ausbeißen. Richard Lock aber ist auch seine letzte Hoffnung, an der Oberfläche Malins zu kratzen, bis dato hat er nichts verwertbares herausgefunden. Aber er  lässt nicht locker, da ist noch eine alte Rechnung zu begleichen.

 

Lock zeigt Risse in seiner bis her so erfolgreichen und unangreifbaren Fassade. Seine ehemalige Frau und sein Kind führen ihn immer wieder nach London und als er spürt, dass seine Kräfte für dieses Leben im ständigen Schatten und unter ständigem Druck nachlassen, will auch er nur noch eines. Ein Ende setzen. Aussteigen. Und Ben Webster wirkt wie seine beste Chance gegen die wie Schemen überall anwesenden Schergen Malins.

 

Vielleicht aber täuschen sich auch alle und ganz andere Kräfte und ganz andere Interessen stehen hinter der ständig spürbaren und immer dichter kommenden Bedrohung.

 

Erstaunlich im Übrigen, dass es Jones gelingt, ein solch ausgereiftes Buch bereits als Debüt vorzulegen. Weniger direkte Gewalt, nicht die üblichen Verfolgungsjagden oder direkte Bedrohungen sind es, mittels derer er die Spannung über die fast 450 Seiten der Geschichte aufrecht erhält, sondern die Entwicklungen seiner Protagonisten, die Versuche, hinter die Fassaden zu kommen einerseits und aus diesem „dahinter“ nach vorne zu kommen anderseits. Und ebenso die dichte Atmosphäre, die Jones durchgängig mitschwingen lässt.

 

Hervorragend fängt Jones hierbei die Atmosphäre des modernen Russlands auf, in dem Menschenleben anscheinend mittlerweile genauso wenig zählen wie zu zaristischen oder stalinistischen Zeiten. Vor allem „kritische Menschenleben“. Diese ganz andere Kultur nutzt Jones hervorragend, um ein ständiges Gefühl der Unsicherheit für alle beteiligten Personen im Raum zu halten. Obwohl der Thriller weitestgehend gar nicht in Russland selbst spielt.

Mit durchaus überraschenden Wendungen zum Schluss  und mit einer Grundidee an „dunklen Geschäften“, die durchaus genauso schon längt stattgefunden haben könnte. Oder sogar hat. Auch hier gelingt es Jones, durch den Schwerpunkt auf dem Rohstoffsektor andere Impulse zu setzen als die üblichen Thriller Plots.

 

„Der Lockvogel“ ist ein hervorragender und tiefgründiger Thriller mit hervorragend gestaltetem „Personal“, in dem Jones einen ganz anderen, durchaus realistischen Blick vor allem auf das moderne Russland wirft.

 

M.Lehmann-Pape 2012