carlsbooks 2011
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Christian von Ditfurth – Das Dornröschenprojekt

 

Ein ganz besonderes Ermittlungsteam

 

Es ist schon eine besondere Szene und ein ganz besonderes Berliner Lokalkolorit, in dem der Berliner Schriftsteller von Ditfurth sein neuestes Werk ansiedelt.

 

Die gealterte linke alternative Szene als Ermittlungsteam wider Willen und ohne offiziellen Auftrag gegen eine ominöse Verbindung, die im Hintergrund wirkt.

Und das auch eher durch Zufall und aus persönlicher Bedrängnis heraus machen sich Matti, der ehemals abgebrochene, nun doch schon gealterte Ex-Student und Berufstaxifahrer samt seinen WG Mitbewohnern Twiggy (groß, dick, von mächtiger Statur, aber mit weichem Herz, was zumindest seine Katze angeht und mit vielfachen, undurchschaubaren Verbindungen versehen) und Dornröschen (ätherisch schlank, mit einem hellwachen Verstand, der sich hinter  der ständig müden Fassade der taffen Frau verbirgt) auf den Weg, das Geheimnis einer ominösen DVD heraus zu finden, die bereits ein Todesopfer nach sich gezogen hat.

 

Matti, der aus Ärger besagte Daten-DVD aus einer in seinem Taxi liegengebliebener Tasche entwendet hat (eine der wenigen Stellen allerdings im Buch, die künstlich und konstruiert wirkt), hat in keiner Form geahnt, das dieser kleine Diebstahl die freitagabendlichen Mau-Mau Abende in seiner WG nachhaltig stören wird. Zuerst erscheint die Polizei (das eher regelmäßig ob der althergebrachten Verbindungen der WG-Bewohner zur linksradikalen Szene), dann geschieht ein Mord und dann wird Matti offensichtlich beschattet. Zur gleichen Zeit, in der die drei samt einiger alter Kampfgefährten (wie Antifa-Konny!) zum Gegenschlag ausholen, will plötzlich auch noch die alte, große Liebe Mattis, nunmehr erfolgreiche Rechtsanwältin, zumindest die körperlichen Freuden der damaligen Zeit wieder aufleben lassen. Zufall? Oder ist bald jeder verdächtig, der den drei alten Freunden begegnet? Dornröschen aber lässt nicht locker, vor allem, als auch noch eine Reihe moderner Wanzen in der Wohnung der WG aufgefunden werden. Zeit, durch ein „Donröschenprojekt“ energisch Licht ins Dunkle der DVD und ihres Inhaltes zu bringen.

 

Auf den Punkt getroffen hat Christian von Ditfurth jene nunmehr alternde, alternative linke Berliner Szene, die sich gern noch der Zeiten der Straßenkämpfe erinnert, deren Lebensgefühl auf jeden Fall gegen das (jedes) Establishment ausgerichtet ist, die aber in der Lebenspraxis der Gegenwart nur mehr im Kleinen alten Idealen zu folgen vermag (Licht aus, damit nichts den Stromimperien geschenkt wird!). Verhalten, Kleidung, Leben und Wohnen, sich durchschlagen durchs Leben und aus einem „Nicht wirklich ankommen“ in der Gesellschaft einen durchaus lebenswerten Lebensstil kreieren, von diesen vielfältigen Bobachtungen lebt diese, durchaus in ernstem Tonfall und sich selber ernst nehmende, Geschichte. Sorgfältig und real anmutend setzt von Ditfurth hier vor allem seine Hauptpersonen „ins Leben“, so dass der Leser sich ohne weiteres schnell in der Geschichte wiederfindet und den Entwurf, den Alltag, die Normen dieses Lebensstils und die vielen, kleinen Marotten der Protagonisten mit hohem Wiedererkennungswert vorfindet.

Das zudem von Ditfurth ein guter Kenner Berlins ist und diese Ortskenntnis lebendig umzusetzen versteht, erhöht noch die Plastizität des Buches.

 

Auch wenn „der Fall“ selber in Teilen doch konstruiert wirkt (gerade der Anfang des Entnehmens der DVD wirkt überaus künstlich im Gefüge der Geschichte), gelingt es von Ditfurth doch, eine spannende Atmosphäre in einer dichten Lebenswelt sprachlich in den Raum zu setzen, der man gerne folgt.

 

M.Lehmann-Pape 2011