carlsbooks 2013
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Christian von Ditfurth – Ein Mörder kehrt heim

 

Neue Runde der „Ermittler WG“

 

Wie aktuell kaum ein anderer Autor versteht es Christian von Ditfurth (und macht diese Atmosphäre zu einem tragenden Teil seiner Romans), in die Zeit des linken Terrorismus, der RAF, der „roten Hilfe“ und der damaligen „Szene“ einzutauchen, indem er nun in einer neuen Runde seine drei „Altlinken“ Bewohner einer Berliner Wohngemeinschaft wieder einmal in den Mittelpunkt eines komplexen, gefährlichen und spannenden Geschehens stellt.

 

In der Gegenwart die eigene Vergangenheit noch zu leben, die alten Ideale zwar gemildert, aber doch als Grundlage des eigenen Lebensverständnisses hoch zu halten, dass ist gar nicht so einfach. Angesichts dessen, das zu befürchten ist, demnächst Kreuzberger Krawalle zu „Touristenattraktionen“ zu gestalten. Irgendwie nett, aber doch ohne echte Bedeutung für die Welt der Gegenwart.

 

Selbst Matti macht sich im Lauf dieses Buches so seine Gedanken, wenn er seine Mitbewohnerin „Dornröschen“ anschaut, wie wohl das Alter sein wird. Dornröschen, die bereits jetzt hier und da einige graue Haar färbt. Und Matti, der ahnt, dass als Taxi Fahrer das Alter in keiner Weise gesichert ist, so wenig die drei auch an Konsumgütern letztlich benötigen (solange das Katzenfutter für Robbi, das Bier für Twiggy und Matti selbst und der Tee für Dornröschen gesichert sind).

 

Doch zunächst haben alle drei, Matti voran, alle Hände voll zu tun, in der Gegenwart nicht endgültig unter die Räder der Polizei ob ihrer bekannten Nähe zur „linken Szene“ zu geraten.

 

Kommissar Schmelzer stattet der WG das ein oder andere Mal aggressive Besuche ab, der Staatsanwalt wird sich Matti vorknöpfen, Twiggy wird seine technischen Kontakte ausreizen müssen, um genügend Abhörgeräte zu besorgen, die alten Makarovs der WG kommen zum Einsatz, IM und Altstasi-Obere geraten in den Fokus der Ermittlungen der WG. Ermittlungen, die weder gewollt noch geplant noch begrüßt werden, aber zwingend notwendig werden.

 

Ein alter, lange untergetauchter  RAF Terrorist taucht in Berlin auf. Trifft seine Tochter und gibt dieser den Rat, sich an Matti zu wenden, wenn die Dinge daneben laufen.

Was sie gründlich tun. Denn plötzlich liegt Georg, der Terrorist, mit einem Kopfschuss als Leiche in einem Park. Und ist kurz darauf wieder verschwunden. Wie auch Anja, die Tochter (der Matti sich schnell sehr nahe fühlt) plötzlich nicht mehr auftaucht. Dafür aber verdächtige und frische Blutspuren im alten Bulli der WG nachgewiesen werden können.

 

Mehr noch als in den Vorgängerbüchern geht von Ditfurth in diesem Roman den Pfaden der linken Szene damals und heute nach. Lässt Figuren auftauchen, die völlig am Ende nur noch vor sich hin darben (Siggi), die aber „damals“ Helden der „linken Front“ waren. Führt tief ein in die enge Verbindung von RAF, Sympathisanten und der Staatssicherheit, bis der Leser fast den Faden verliert, wer mit wem denn nun koalierte und wer ein doppeltes bis dreifaches Spiel betrieben hatte. In einer Atmosphäre eines für die Beteiligten schwer zu ertragenden Gefühls des Scheiterns aller linker Ideen .

 

„Irgendwas war da. Es war soviel versunken“.

 

Politische Ideale, Abgrenzungen zur Gewalt, dennoch eine Haltung, die mit Makarov, Wanzen, Einbruch  und Einschüchterung ohne Hemmungen arbeitet, versuchen Matti, Twiggy und Dornröschen Licht in das Dunkle eines unübersichtlichen Geschehens zu bringen, für das selbst das Erhaschen des Anfanges eines möglichen Fadens Schwerstarbeit darstellt.

 

Spannend, realistisch, in bestens getroffener Atmosphäre der linken Szene Berlins und deren täglichen Angehen des Lebens in der Gegenwart legt von Ditfurth wiederum seinen rundum gelungenen Kriminalroman vor.

 

M.Lehmann-Pape 2013