Galiani 2014
Galiani 2014

Christopher Brookmyre – Angriff der unsinkbaren Gummienten

 

Nicht immer ohne Verwirrung zu lesen

 

Allein schon immer die Klarheit darüber zu bewahren, aus welcher „Ich-Perspektive“ Brookmyre seine Geschichte gerade weiter vorantreibt (oder bereits Geschehenes im Nachgang ausführlich einführt), oder immer auf dem gerade Laufenden zu sein, wer denn gerade bereits gestorben ist, wer als „schön länger Toter“ gerade das Wort ergreift, schon das ist in diesem lebendigen, leger verfassten und vor kreativer Fantasie sprühenden, neuen Werk Brookmyres nicht immer ganz einfach („Der andere Tote, der etwas zu erzählen hat“).

 

Bis zum letzten Kapitel nicht.

 

Klar aber ist, dass sich Brookmyre in aller Breite den „esoterischen Gefilden“ dieser Welt handfest zuwendet. Den Hellsehern, den Spiritisten, jenen, die mit Toten reden.

 

„Unsinkbare Gummienten“, das sind Menschen, die trotz Erläuterung der Tricks, trotz rationaler Erklärungen, trotz „Enttarnung“ mancher „Shows“ immer noch glauben wollen. Immer noch jenen „Fitzel“ suchen, der doch nicht weggeleugnet werden kann.

 

Jack Parlabane, Journalist und für das kommende Jahr als Rektor der Universität ausersehen (ein unwahrscheinlicher Zufall führte zu dieser Konstellation) trifft auf Gabriel Lafayette, den scheidenden Rektor und zugleich Star am Himmel der Hellseher und Totenflüsterer.

 

Ein Mann von gewinnendem Charme, von scheinbar großer Bescheidenheit. Einer, der ja nie eine Show machen wollte, der eher zufällig immer gerade die „Vibrationen und Energien“ in einer kleinen Gruppe aufnimmt und dann aber so richtig loslegt.

 

Da verwundert es doch nicht, dass dieser Lafayette mit seiner Entourage sich massiv dafür einsetzt, einen eigenen Lehrstuhl für das Spirituelle an der Universität einzurichten.

Und man scheint geneigt.

Zunächst aber soll überprüft werden, ob überhaupt Handfestes dran sein könnte. Und als neuer Rektor und kritischer Journalist ist Parlabane natürlich mit von der Partie in dieser Prüfungskommission.

 

„Sie sollen nach Schummeleien suchen, so einfach ist das“.

 

Bevor aber überhaupt Parlabane in dieser Hinsicht im Buch zu Wort kommt, vergeht schon einiges an Zeit und Eindrücken anderer Protagonisten, die dem Leser die Irrungen und Wirrungen jener, die auf Teufel komm raus „Glauben wollen“ mit trockenem Humor und doch ernstem Hintergrund vor Augen führen.

 

Nicht umsonst wird es im roten Faden dieser teils irrwitzigen Geschichte am Ende hin deutlich werden, dass die vielen Toten und manche interessante „Hellsehereien“ keine Zufälle sind, sondern aus dem Hintergrund gesteuert werden.

 

Gut, dass es da „den Greek“ gibt, Michael, der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, all das zu „entzaubern“ (und damit dem Leser sehr interessante Einblicke in die Arbeitsweise der „Hellseherei“ auf den Bühnen der Welt gibt).

 

Dennoch, um am Ball zu bleiben, um die Perspektiven auseinanderhalten zu können, um die Zeitebene für sich vor Augen zu halten, da bedarf es schon einer teils anstrengenden konzentrierten Lesehaltung du eines häufigeren Zurückblätterns, wenn man für einige Zeit das Buch aus der Hand gelegt hatte.

 

Gerade wegen der vielen falschen Fährten, der manchmal undurchschaubaren Vorgänge, der Tarnidentitäten und der bissigen (und ausführlichen) Seitenhiebe auf viele „Glaubensfanatiker“ geht einem der rote Faden immer wieder ein wenig aus den Augen, wofür das irrwitzige Finale den Leser dann aber belohnt.

 

Unterhaltsam und lesenswert ist das Buch natürlich dennoch, von der hohen Ironie der Sprache über die vielfältigen exotischen Charaktere bis hin zu den deutlichen Erläuterungen der Tricks und Intrigen der „Glaubenskrieger“ macht das Buch nicht nur Spaß, sondern öffnet auch die Augen für manches, was zu leicht als bare Münze genommen werden könnte.

 

 

„Das Seltsamste und Beunruhigendste an den Neokonservativen ist, dass sie ihren eigene Quatsch glauben“.

 

M.Lehmann-Pape 2014