Piper 2014
Piper 2014

Claude Izner – Monsieur weilt nicht mehr unter uns

 

Atmosphärisch dichter Krimi

 

Es ist eine Zeit spürbar sich ankündigender Unruhen in Frankreich, vornehmlich in Paris. Anarchie liegt in der Luft, Anschläge finden statt. Das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ist eines, in dem „Paris zittert“.

 

Eine Zeit aber auch des Fortschritts in der die Kriminalistik (für die im Buch der schnittige Inspektor Lecacheur steht, allerdings natürlich, ohne Victor Legris letztlich wirklich das Wasser reichen zu können). Auch neue Fortbewegungsmittel machen sich im Straßenbild breit, Fahrräder sind zwar noch selten gesehen, sorgen aber doch für Aufsehen.

 

Unruhe einfach, der Puls des Lebens, die Gefahr auf den Straßen des Nachts.

 

Eine Zeit somit, in der der ein oder andere Leichnam kaum auffallen würde in den dunklen Gassen und Ecken einer unruhigen Stadt. Wenn nicht anhand eines Wäschezettels der Mann hätte identifiziert werden können.

 

Interessant, dass der Tote just vor Kurzem in der Buchhandlung von Victor Legris und seinem Partner Kenji Mori aufgetaucht wäre. Ohne dass Joseph, der Angestellte (bis über alle Ohren verliebt in Iris, Tochter Kenjis und Halbschwester Victors) noch genau wissen würde, was der da eigentlich wollte.

 

Fast zeitgleich wird in Kenji Moris Wohnung eingebrochen und ein merkwürdiger Kelch entwendet. Keineswegs wertvoll, wie Mori feststellt, als er diesen von der Schwester eines Freundes aus England erhalten hatte. Warum aber dann wird just dieser Kelch gestohlen? Warum findet sich das Tuch, in dem der Kelch eingewickelt war, plötzlich im Besitz des geistig verwirrten Schweigervaters des ermordeten Mannes wieder?

 

Fragen über Fragen, die vor allem dem von Natur aus neugieren und abenteuerlustigen Victor Legris keine Ruhe lassen. Auch wenn er seiner Geliebten Tascha versprochen hat, sich nie wieder durch Hobby Ermittlungen in Gefahr zu bringen, Victor kann die Finger nicht von diesen Ereignissen lassen. Und wird von Joseph und seiner Schwester natürlich unterstützt (wobei er im Gegenzug bereit ist, ein gutes Wort für diese Verbindung bei Kenji einzulegen).

 

Bald schon wird Victor spüren, dass die Suche nach dem Kelch und die Auflösung der Frage seines Verschwindens mit nicht geringer Gefahr verbunden ist. Der „Gesandte“ ist schon auf der Spur und der Mord an dem Mann in der Pariser Gasse wird nicht der letzte Tote bleiben.

 

Ebenso komplex und verwinkelt, wie Claude Izner den Kriminalfall selber anlegt (soweit, dass im ersten Drittel des Buches der Leser so gut wie keinen wirklichen Anhaltspunkt erhält, worum es denn wirklich gehen könnte), so legt Izner auch seine Personen und deren Beziehungsgeflecht an. In Ohnmacht fallende Damen, auf Eis liegende Hundekadaver, verwirrte Greise, ein schnittiger Polizeioffizier und die mit besten Manieren ausgestatteten Buchhändler Legris und Mori, umgeben von eigenwilligen Concierges, das ergibt ein durchaus anregendes Bild einzelner Personen und deren teils eigenwilliger Verbindungen untereinander.

 

Zudem wird der Leser intensiv mit hineingenommen in die Atmosphäre von Paris Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, spürt das Brodeln der Stadt, die Ressentiments gegen alles Deutsche, den aufkeimenden Antisemitismus, aber auch die Schönheit der Orte und die Leichtigkeit des Lebens.

 

 

Trotz einiger längen und mancher Verwirrungen gerade zu Beginn, worum es überhaupt und genau geht eine unterhaltsame und im zweiten Teil zunehmend auch spannender werdende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014