Knaur 2012
Knaur 2012

Claudio M. Mancini – La Nera

 

Realistischer Thriller

 

Trotz der fiktiven Geschichte um die Person der aus einfachen Verhältnissen stammenden Sophia D`Arenal, welche Mancini in den Mittelpunkt seines Mafia Romans setzt, spürt man dem Buch über den größten Teil der Strecke durchaus ab, dass Mancini mit der Materie der Mafia, deren Geschichte und deren auch „moderner“ Arbeitsweise vertraut ist. Dichtgedruckt setzt er sich auf den gut 600 Seiten des Buches mit den Geschäften der „Familie“ auseinander, mit Geldwäsche, Verflechtungen, Bestechungen, Einschüchterungen, Korruption, all dies eingearbeitet in eine klassische Geschichte von Liebe, Verlust und Rache.

 

Seine Protagonistin, obwohl aus Sizilien, der „Quelle der Mafia“ stammend, lässt er dabei eher zufällig in diese Welt „hineingleiten“. Eine junge Frau, die zunächst am Ziel ihrer Träume wirkt, als sie den Schönheitschirurgen Giulio heirate und von heute auf morgen aus einfachen Verhältnissen in die High Society Italiens aufsteigt. Wobei „Hohe Gesellschaft“ hier durchaus zweideutig zu verstehen ist, denn die andere „Gesellschaft“, die Mafia, nutzt den Betrieb der Schönheitskliniken für ihre Geschäfte  und Giulio hat seine Finger in einem zudem  äußerst profitablen Geschäft, dem Organhandel.

 

Eine Frau aber auch, welche die Härten der Mafia am eigenen Leib durchaus schon spüren musste, als sie als junge Studentin die Ermordung ihres geliebten Bruders durchleiden muss. Ein Geschehen, welches der Mafia zuzuordnen ist und das im Lauf der Jahre nach Rache ruft, um nach den tradierten Begriffen der Sizilianer die Ehre der Familie wieder her zu stellen.

 

Als auch Giulio ermordet wird, setzt sich Sophia an die Spitze der Geschäfte und wird zum weiblichen „Don“, zur Patin. Eine Position, aus der heraus auch ihre alte, noch lange nicht vernarbte Wunde nun einer „Heilung durch Rache“ deutlich näher rückt.

 

Diese Geschichte der Sophia verbindet Mancini geschickt mit einer breiten Darstellung der Mafia und ihrer Verwobenheit bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft hinein einerseits und den Ermittlungen und dem Kampf gegen die Mafia andererseits. Im Lauf der Geschichte tauchen so auch auf der „anderen Seite“ Ermittler und eine Staatsanwältin auf, die ihren oft einsamen und fast hoffnungslosen Kampf gegen die Strukturen der „ehrenwerten Familie“ hartnäckig verfolgen. Einen Kampf, den Mancini ebenso sehr realistisch schildert.

 

Welcher Persönlichkeit es bedarf, egal ob Mann oder Frau, um sich an der Spitze der Mafia zu etablieren, dies arbeitet Mancini fassbar heraus, wie er auch die Methoden der Mafia eindeutig beim Namen nennt. Die Methoden der Korruption ebenso wie die der „traditionellen“ Einschüchterung durch Gewalt. Für zartbesaitete Gemüter zumindest sind die Passagen der Gewalt im Buch eher nicht zu empfehlen, hier wird Mancini durchaus drastisch.

 

Ein wenig trocken, in Teilen fast in einem dokumentarischen Stil schreibt Mancini. Einerseits fördert dies den realistischen Eindruck seiner Geschichte, andererseits fällt es dem Leser nicht immer einfach, sich mit den Personen und der Geschichte zu identifizieren. Ein wenig mehr Bildkraft und Ausschmückung bei den Personen und manchen Ereignissen hätte dem Lesefluss durchaus noch gut getan.

 

Dennoch ein realistische, spannende, in Teilen harte Geschichte, die jederzeit einen fundierten und sorgfältig recherchierten Eindruck hinterlässt.

 

M.Lehmann-Pape 2012