Heyne 2012
Heyne 2012

Corban Addison – Du bist in meiner Hand

 

Zwangsprostitution

 

Es ist ein wichtiges, dunkles Thema, dessen sich Corban Addison in seinem neuen Debüt annimmt. Ein Thema, dass meistens immer noch leider nur ein Randdasein in der öffentlichen Diskussion fristet. Moderne Sklaverei steht im Mittelpunkt seiner Geschichte, der man die fundierte Recherche anmerkt. Zwangsprostitution, Entführung junger Frauen, durchaus auch minderjähriger, kleiner Mädchen. Und obwohl der Kern seiner Geschichte in Indien, ist dies im Buch kein Thema nur der „dritten Welt“. Durchaus nimmt Addison den Leser auch mit in die „Mitte“ der westlichen Zivilisation und schildert, eher nebenbei, die Entführung eines elfjährigen Mädchens am helllichten Tag in Amerika unter dem Verdacht ebenjener Zwangsprostitution.

 

Im Zentrum aber stehen die minderjährigen Schwestern Ahalya und Sita. Eine Katastrophe wird ausgenutzt, die beiden mit Gewalt in Gewahrsam zu nehmen und sie unter Drohungen in ein Bordell in Bombay zu bringen. Ins Obergeschoß, unter das Dach. Da, wo minderjährige, zur Prostitution gezwungene, Mädchen hinter Schloss und Riegel gehalten werden. Beide besitzen hohen Wert im Bordell, denn sie sind „originalverpackt“, sprich, unberührt. Und so zahlt der erste Freier einen hohen Preis für die „Hochzeitsnacht“.

 

Intensiv schildert Addison die Zustände in den Bordellen der Seitenstraßen. Die Drohungen, die Gefangenschaft, die „Benutzung“ der jungen Mädchen. Und führt auf der anderen Seite aus einer zweiten Perspektive die Person des Prozessanwaltes Thomas Clarke ein. Dieser, ehrgeiziger Sohn eines hohen Richters, befindet sich in einer privaten Krise. Sein Kind kurz nach der Geburt gestorben, von seiner indischen Ehefrau entfremdet (die bereits in ihre Heimat zurückgekehrt ist), beruflich durch einen schwierig verlaufenden Prozess unter Druck. Thomas nimmt zähneknirschend das Angebot seiner Anwaltsfirma an, ein Jahr zu pausieren und ehrenamtlich tätig zu sein. Was liegt dann näher, als seiner Frau nachzureisen, zu versuchen, die Ehe zu retten und für sich selbst wieder zur Besinnung zu kommen?

 

Thomas schließt sich für dieses Jahre „Care“ an, einer Organisation, die vor allem gegen ebenjene Zwangsprostitution arbeitet. So ist der Rahmen des Buches vorhersehbar gesetzt und es ist dem Leser schnell deutlich, dass sich die Wege aller Beteiligten kreuzen werden. Nicht ohne Gefahr, natürlich, denn die Bordellbetreiber scheuen keine Gewalt, wenn es darum geht, ihre „Ware“ von einer möglichen Freiheit fern zu halten.

 

Ein wenig logisch gebeugt wirkt dabei schon so manches im Roman. Ein Tsunami, nach dem zwei Mädchen völlig alleine durch die Straßen wanken? Keine Katastrophenhilfe, keine Polizei, keine Krankenwagen, kein Schutz? Das scheint selbst für indische Verhältnisse kaum denkbar. Ebenso, wie die Geschichte um Thomas Clarke herum allzu glatt direkt nach Bombay und ins Zentrum der Machenschaften führt.

Nimmt man aber diese etwas „in Form“ gezwungenen Voraussetzungen hin, entfaltet sich ein durchaus intensiver Roman, der sein Thema atmosphärisch dicht vor Augen führt. Trotz manch stereotyp gezeichneter Figuren und der eher einfachen Sprache gelingt es Addisson, sowohl die kulturellen Besonderheiten Indiens, das Lokalkolorit und vor allem jenes Leben hinter den Fassaden in den Seitenstraßen überzeugend darzustellen.

 

Alles in allem ein gut zu lesender Roman mit kleineren Schwächen zu einem bewegenden und wichtigen Thema.

        

M.Lehmann-Pape 2012