Berlinverlag 2013
Berlinverlag 2013

Dan Vyleta – Knochenwinter

 

Verschachtelt und atmosphärisch bestens getroffen

 

In einer Hinsicht ist dieser ungeheuer harte Winter 1946 in Berlin, wenige Monate nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, für Pavel auch mit Vorteilen versehen. Trotz seiner Nierenentzündung, der Schwäche, dem dahin siechen, immerhin kann er den toten „Zwerg“ in jenem Schrankkoffer, den sein bester Freund Boyd bei Nacht und Nebel vorbeibringt, wunderbar lagern. Tiefgefroren. Koffer und Leiche. Wie auch (fast) alle anderen Beteiligten fast.

 

In allen anderen Hinsichten aber stellen diese Wochen an Mensch und Material fast unlösbare Aufgaben. Wo einen Mantel herbekommen? Wie heißes Wasser machen, wenn der Strom nur unregelmäßig und spärlich fließt? Wie überleben, wenn alles, was nach tierischem Fleisch ausgesehen haben könnte bereits geschlachtet, fast zerrissen und auf jeden Fall schon längst verdaut ist?

 

Das aber ist alles gar nicht das größte Problem Pavels, der sich mühsam in der Ecke des Zimmers einige Tropfen Blut aus den Nieren in den Nachttopf quetscht. Sondern eben jene Leiche des  Kleinwüchsigen im Koffer. Der ehemalige amerikanische GI und Dolmetscher Pavel muss zur Kenntnis nehmen, dass am Kragen des Mantels der Leiche zwei rote Sterne befestigt waren, der „Zwerg“ eine wichtige Funktion innerhalb der russischen Armee wohl eingenommen hat. Und wenige Zeit ebenso später zur Kenntnis nehmen, dass sein Freund Boyd gefoltert und getötet wurde. Und sich vorsehen vor dem großen, fetten Mann, der seine Nachbarin im Haus ein Stockwerk höher als Geliebte sich hält (gegen Wärme und Nahrung selbstverständlich).

 

Colonel Fosko von der britischen Armee mag fett und gemächlich wirken, aber er ist ein harter Ermittler, einer, der Gewalt nicht scheut und einer, der sein Auge auf Pavel geworfen hat. Natürlich weiß Fosko von dem verschwundenen „Zwerg“, natürlich kennt er die Verbindung zwischen Pavel und Boyd und natürlich vermutet er Zusammenhänge.

 

So beginnen alle auf ihre Weise zu ermitteln. Pavel sucht den Mörder Boyds und forscht nach den Hintergründen, die Russen suchen die Leiche und ziehen ihre Schneise durch Berlin und Fosko hat seine ganz eigenen Pläne.

 

Aber nicht nur Fosko. Denn was Vyleta an Doppelbödigkeiten, Finten, verdeckten Identitäten und überraschenden Wendungen im Reigen der Personen bereit hält, ist eine durchaus anregende und spannende Geheimdienstgeschichte in frühen Nachkriegszeiten in Berlin, der Stadt, in der alle Mächte eng aufeinandertreffen.

 

Zudem versteht es Vyleta, die Atmosphäre jener Tage, die Ruinen, die Melancholie über allem und die Kälte intensiv spürbar und mit treffenden Bildern zu schildern. Allein schon die wenigen Worte, die er nutzt, um Pavels Gang zum Nachttopf zu schildern, nehmen den Leser plastisch und direkt mit ins Geschehen. Ein Stil, den Vyleta durchgehend im Buch bewahrt und damit die Ereignisse und umstände emotional dicht vermittelt.

 

Ein intelligentes Agentenspiel mit sehr überraschenden Wendungen, gerade zum Ende hin, in bestens getroffener und fundiert recherchierter Atmosphäre des bitterkalten Nachkriegsberlins 1946.

 

M.Lehmann-Pape 2013