Droemer 2017
Droemer 2017

Don Winslow – Corruption

 

Thriller-Olymp

 

Um es vorweg zu sagen: Was die sprachlichen Fertigkeiten eines nahtlosen und flüssigen Erzählens angeht, der Aufbau einer komplexen und jederzeit treffenden Atmosphäre von Beginn an, die differenzierte Zeichnung aller Figuren im Roman, von denen keine einfach nur schwarz oder weiß dargestellt wird, was die Komplexität der Emotionen und auch der, nicht selten, überaus überraschenden Wendungen der Ereignisse angeht, hat dieser Thriller durchaus Augenhöhe mit einem Werk wie Mario Puzos „Der Pate“ oder, was die moderne Art des Erzählens angeht, eine Serie wie „Die Sopranos“.

 

Denny Malone. Der „König von Manhattan-North“. Der, der in Harlem in jedem Club, in jeder Kneipe, in jedem Restaurant mit „seiner Force“, seinen beiden „Brüdern“ Russo und Montague, Cops wie er, die besten Plätze vorfindet und nie eine Rechnung begleichen müsste. Jener Malone, der Vorgesetzte Kommen und Gehen sieht, der auf manchem Begräbnis von Kollegen und treuen Begleitern war, der auf seine Weise für „Recht und Ordnung“ sorgt, die im Übrigen auch seine materielle Absicherung und die seiner Familie nicht außer Acht lässt.

 

Der härteste, coolste Cop in Harlem und darüber hinaus. Aber auch ein „dreckiger Cop“, korrupt, keine Frage. Was sich im Lauf der Jahre entwickelte. Was immer eine „rote Linie“ mehr überschritt.

 

Wobei, und dem kann der Leser sich kaum entziehen, Seite für Seite mit Tempo und Spannung, mit Härte und „weichen“ Gefühlen, der aktuelle Stand der Dinge, an dem der Leser Malone kennenlernt, einen konkreten Grund hat, das Ende einer Entwicklungslinie darstellt, die Winslow so plastisch, so überzeugend und so emotional dicht an den gegebenen Stellen erzählt, dass der Leser kaum in der Lage ist, das Buch aus der Hand zu legen.

 

Eine Härte, die in Szenen voller Blut, mit Nägeln in einem Baum, mit Toten auf beiden Seiten des Gesetzes, im Buch nicht übertrieben wirkt, sondern eher, als würde „das wahre Leben“ hinter den Fassaden New Yorks ans Licht gebracht werden.

 

Da, wo eine Erschießung auf „unbedachte Bewegungen“ des Verdächtigen zurückgeführt werden, die Realität aber eine völlig andere ist. Was große Bedeutung im Buch haben wird.

 

Die Ehefrau, die getrennt lebt. Die Geliebte, die Malone nicht stabilisiert bekommt. Die Wohnung, die eher ein Unterschlupf ist. Umgeben von schwarzer, brauner und weißer Gewalt, von Gangs, Mafia, Dealern, von Drogen, Waffen und Toten. Von gemeuchelten Familien mit Säuglingen, von im Dreck verstorbenen Kindern cracksüchtiger Eltern, von Gier und Macht auf der illegalen und auf der legalen Seite des Gesetzes.

 

Soweit man bei dem, was Winslow im Buch präzise immer wieder auf den Punkt bringt, von „Recht und Gesetz“ noch sprechen kann. Dabei ist es dem Autor hoch anzurechnen, dass nur einmal explizit eine Ansprache im Buch auftauchen wird, die genau den verrotteten „Status“ dieser Welt der allseitigen Fassaden auf den Punkt bringt. Ansonsten lässt Winslow einfach aus der Perspektive Malones die Dinge geschehen und reflektieren, es bedarf keiner gesonderten Erklärungen und Erläuterungen darüber hinaus.

 

Dass die Unterschlagung von Heroin, das näher und näher Rücken an die Zentren der Macht auf der Seite der Kriminalität, aber auch auf der Seite der „Honoratioren der Stadt“ Malone von allen Seiten und Druck bringen wird und dieser roten Faden sich ebenso darin vertieft, dass am Ende Malone selbst sich von allen Seiten unter Druck bringt, das ist eine weitere Qualität dieses Thrillers.

Die Unentrinnbarkeit vor dem Bösen. Dem Übel, der Korruption dieser Welt im System nicht entkommen zu können. Und jeder der Beteiligten, auch Malone, sich dafür eine Erklärung zurechtlegt, die ihn weitermachen lässt. Mit all diesem Dreck auch am eigenen Stecken.

 

„Denny Malone wollte immer ein guter Cop sein. Sonst nichts“.

Aber ginge das überhaupt?

Oder wird am Ende einfach alles an „den Baum genagelt“, was gut sein könnte?

 

Wobei noch zu erwähnen bleibt, dass Winslow mit solch kreativen Möglichkeiten schreibt, dass man am Ende 4, 5,6, passende Enden des Buches zählen könnte, an denen so manch anderer Autor bereits zufrieden einen Punkt gesetzt hätte.

 

Dass noch eine Wendung, noch eine Überraschung, noch ein Trick Malones den Reigen weiterführt und all dies nicht stört oder in die Länge zieht, sondern wieder neu fesselt und neu Spannung hineinbringt alleine auf den letzten 30, 40, 50 Seiten, auch das zeigt, warum dieser Thriller insgesamt zu einem der Maßstäbe für das Genre wird.

 

 

Hervorragend.

 

M.Lehmann-Pape 2017