Hoffmann und Campe 2012
Hoffmann und Campe 2012

Doris Gercke – Zwischen Nacht und Tag

 

Bella Block auf ein Neues

 

Für die erste Zeit des Romans ist Bella Block weitgehend nur am Rande des Geschehens anzutreffen. In der Tschechoslowakei hält sie sich auf, eine Art Urlaub, vor allem aber ein anregendes, körperliches Empfinden genießt sie zunächst mit einem eher fremden Mann. Was nicht unbedingt in Glückseligkeit enden wird.

Gut wird es sein, wenn sie wieder in Hamburg anlangt. nicht nur für den Kriminalpolizisten im Ruhestand, Brenner, sondern vor allem für die Ereignisse um den Soldaten Rehberg herum. Kommandeur einer Grenzüberwachungstruppe, der sich selbst eine Auszeit verordnet hat aufgrund eines belastenden Erlebnisses mit einem seiner Kameraden in der Türkei.

 

Eine Auszeit, die sich unfreiwillig verlängert, denn Rehberg spurlos. Taucht nicht mehr auf in dem kleinen SM-Cafe seiner alten Schulfreundin Carla. Ein Verschwinden, das einhergeht mit starken Verletzungen Carlas. Hatte sie tatsächlich eine Session mit einem harten Mann? Wo sie sich doch ansonsten innerlich weit entfernt von Männern einordnet?

 

Fragen, denen nicht nur Brunner und Bella nachgehen werden, sondern auch Samantha, für die Rehberg den Chauffeur gespielt hat, der mit ihr Orte der Vergangenheit angefahren ist und ihren Geschichten geduldig zugehört hat. Samantha, die über 6 Millionen Euro im Lotto gewonnen hat und sich nun in ganz intensiver Weise ihre Vergangenheit widmet.

 

Alles Personen, Geschichten , Erlebnisse um den alten Hamburger Großneumarkt herum, von denen noch viel mehr beständig wechselnd im Buch vorkommen. Ein Viertel, dass mitten in der Gentrifizierung steckt, ein Platz, an dem sich vielfach auch Verlierer, Obdachlose, einfache Leute treffen. Eine Atmosphäre aus vielen Blickrichtungen, die Doris Gercke letztendlich zur „Hauptperson“ dieses neuen Romans gestaltet. In einem ständigen Wechsel der Perspektiven, von Haupt- zu Nebenfiguren hin und wieder zurück, von vermeintlichen Belanglosigkeiten hin zu scheinbar wichtigen Hinweisen für die Hintergründe um das Verschwinden Rehbergs herum. Gercke fängt immer wieder in einer Sprache, die teils eher aus Stichworten besteht, diese besondere Stimmung unter Menschen ein, die alle eigen sind, derer vieler eher auf der Verliererseite des Lebens zu stehen scheinen. Wie die alternde Hure, die auch eine Rolle spielen wird bei der Aufklärung des Falles, deren Sinn sich aber unverrückbar auf die eigene Flucht heraus in den Süden richtet.

 

Sprachlich prägnant, stimmungsvoll, voller kleiner Geschichten, all dies bietet Gercke. Das allerdings sollte man auch mögen, will man die Lektüre genießen. Denn es dauert lange, sehr lange, bevor der eigentliche „Fall“ überhaupt in den Raum tritt. Erst zur Mitte des Buches hin wird konkreter, worum es überhaupt im roten Faden geht. Und so ist es schwer, ohne jeden Anhaltspunkt zu verstehen, was wichtig und was eher nebensächlich im Buch ist. Längen bleiben nicht aus und eine teils auch verwirrende Vielfalt an perspektiven.

Andererseits, von da an, im Rückgriff auf den Anfang des Buches, ahnt der Leser umgehend schon, wer hinter dem ominösen Verschwinden Rehbergs stecken könnte. Spannend kann man in somit dieser Hinsicht den Roman auch nicht nennen, eher ihn als eine intensive Milieu Studie betrachten, als deren Klammer und Rahmen ein, von oberen Stellen vertuschter Kriminalfall mit entfaltetet wird. So tragen vor allem die durchweg überzeugenden Figuren des Buches die Spannungskurve, nicht die kriminellen Ereignisse.

 

Alles in allem eine erkennbar andere Form in Stil und Sprache, welche Gercke genutzt, um das Milieu des Großneumarktes in Hamburg mitsamt der Galerien, Spekulanten, Huren, Obdachlosen und einfachen Leute vor Augen zu führen. Anhand einer exemplarischen Lebensgeschichte auch die Geschichte der Menschen lebendig werden zu lassen und im Gesamten eine düstere Atmosphäre eher in den Raum zu setzen (von der auch Bella Block nicht ausgenommen ist), als dass sie einen einfachen Kriminalfall einer gradlinigen Lösung zuführt. Das muss man mögen, um das Buch mit Gewinn zu lesen.

        

M. Lehmann-Pape 2012