Goldmann  2015
Goldmann 2015

Elisabeth Herrmann – Der Schneegänger

 

Wölfe und ein totes Kind

 

Die Wölfe sind wieder da. In Brandenburg zumindest, frei lebend. Und werden erforscht, ihre Verhalten untersucht von dieser kleinen Station im (fiktiven) Ort Schneeberg.

 

Und der „mit dem Wolf flüstert“, Darko, hat ein schweres Schicksal hinter sich.

 

Vor vier Jahren ist sein kleiner Sohn verschwunden. Eine Lösegeldforderung stand im Raum, dass Geld wäre sogar bereit gewesen, aber es gab kein weiteres Zeichen mehr von seinem Kind oder den vermeintlichen Entführern.

 

Innerhalb nur weniger Wochen nach dem Verschwinden des Sohnes sah Darko sich „ausgebootet“ von seiner Frau Lida, aus dem kleinen Haus auf dem Villengelände des Unternehmers Reinartz herausgesetzt.

 

Damit aber war er nicht alleine. Auch die Frau des Hauses wurde „entsorgt“, Reinartz hat inzwischen Lida geheiratet. Ebenso ist der „Flamme“ des ältesten Sohnes des Hauses, Siegfried, der Umgang und Zugang im und zum Haus untersagt worden. Jene Diana, die seit Kindheit an ihren Siegfried angehimmelt, verehrt, geliebt hat und bis zur Gegenwart darauf wartetet, dass dieser die alte Beziehung wieder aufnimmt. Wobei beide Söhne des Hauses, Siegfried und Tristan, nicht mehr in der Villa am Wannsee weilen, sondern in Internate „ausgelagert“ wurden.

 

Und nun taucht vier Jahre nach diesen sich überstürzenden Ereignissen die Leiche eines Jungen auf. Vergraben im Wald. Darijo wird identifiziert. KHK Gehrling mit seiner klaren und korrekten Art übernimmt die Ermittlungen in diesem Todesfall, der eindeutig nach Mord aussieht.

 

Und da Darko, Lida, Darijo und ihr Umfeld aus dem ehemaligen Jugoslawien zugereist sind, erinnert er sich an seine junge Kollegin Sanela Beara, die inzwischen als Studentin ihren Weg geht, die die Sprache versteht, die vielleicht hilfreiche Schlüsse ziehen kann.

 

Der korrekte Gehrling und die temperamentvolle, kreative und mutige Sanela nähern sich der Familie und dem dunklen Geheimnis des Todes des Jungen von verschiedenen Seiten, treffen auf eine betonharte Mauer des Schweigens und werden ganz langsam erst die Fäden dieses Todes entwirren. Wobei Sanela sich in direkte Gefahr begibt und hart zu kämpfen haben wird, Gehrling von ihren Erkenntnissen im Fall zu überzeugen.

 

Die „geschlossene“ Gesellschaft der alteingesessenen Reichen, der „Beton“ nach außen der Familie und dies im Gegensatz zu den damals Flüchtlingen, den Migranten, jenen, die trotz bester Ausbildung im Heimatland froh sein konnten, dass einer der Ihren quasi als „Pate“ ihnen einfache Dienstbotenarbeiten verschaffen konnte, dieser Gegensatz (und seine dramatischen Folgen für manche der Beteiligten) durchzieht diesen neuen Kriminalroman von Elisabeth Herrmann, den die Autorin in vertraut fließender Sprache und stetigem Tempo vor unterhaltsam vor die Augen des Lesers legt.

 

Dass die Auflösung am Ende ein wenig weit her geholt erscheint, dass die Binnenbeziehung zwischen den „Söhnen des Hauses“ und dem Sohn der Putzfrau und „Hausdame“ Lida ein wenig zu kurz geschildert werden (hier wäre Stoff für Vertiefung und genauere Schilderungen gewesen) sind in dieser in sich geschlossenen Geschichte nur Kleinigkeiten am Rande, die den positiven Gesamteindruck nur wenig trüben. Entschädigt wird der Leser durch eine quirlige junge Ermittlerin, einen fast stoisch regeltreuen Kommissar und ein Zusammenspiel beider Ermittlerfiguren, die für einiges an (anregender) Reibung sorgen wird.

 

Eine empfehlenswerte Lektüre-


M.Lehmann-Pape 2015