Ullstein 2011
Ullstein 2011

Elisabeth Herrmann – Zeugin der Toten

 

Stieg Larsson lässt grüßen

 

Einige Ähnlichkeiten in der Idee und Darstellung mit Stieg Larssons Kosmos lassen sich durchaus erheben nach der Lektüre des Buches von Elisabeth Herrmann.

Der in den mittleren Jahren sich befindende Quirin Kaiserley, Ex BND Agent, unrühmlich wegen eines vermeintlichen Versagens entlassen, seit Jahren auf der Spur einer umfassenden Klarnamenliste von ehemaligen Stasi Agenten im Westen, nicht resignierend trotz mangelhafter Spurenlage. Einer, der eine Verschwörung aufdecken wird, der, ebenso ähnlich wie bei Larsson, oft in den Medien erscheint und eine, allerdings nur zu Beginn des Buches, leicht angedeutete, erotische Affinität mit einer der deutschen Top Moderatorinnen des Fernsehens besitzt.

 

Und Judith Kepler, leicht bis mittelschwer verkorkste junge Frau. Von Beruf Cleaner, sprich, sie putzt und räumt auf, wenn alle anderen das Handtuch werfen. Leichen, die 6 Wochen unbemerkt von der Nachbarschaft in der eigenen Wohnung lagen? Blutige Tatorte? Judith Kepler macht sauber. Und hat doch jede Menge mit sich selbst zu kämpfen ob ihrer schwierigen Vergangenheit. Auch hier Anklänge an eine Figur des Stieg Larsson.

 

Der Weg beider Hauptfiguren hat gemeinsame Orte der Vergangenheit. In Sassnitz, einem Kinderheim in der ehemaligen DDR wird eines Nachts ein Kind „ausgetauscht“. Die richtige Judith Kepler verschwindet einfach, statt ihrer erhält ein anderes kleines Mädchen diese Identität.

Ebenso steht der Ort Sassnitz für die schmähliche Niederlage des Quirin Kaiserley.

Gerade, als er endlich, nach Jahren, handfeste Fakten in die Hand bekommen soll, lässt ihn seine Quelle im Stich und taucht nicht auf. Mit ihr taucht der ersehnte Mikrofilm nicht auf, auf dem die Klarnamen vermerkt sind. Zeitgleich ist Judith Kepler dabei, den Ort eines grauenhaften Mordes zu säubern, dem eine Frau zum Opfer fiel.

Eben jene Informantin, auf die Quirin alle Hoffnungen gesetzt hatte.

Es kommt, wie es kommen muss. Quirin und Judith  kommen in Kontakt und beginnen, jeder auf seine Weise, gemeinsam die Hintergründe aus Sassnitz des Jahres 1985 zu erforschen. Vom BND bis zu ehemaligen Stasi Oberen wird im Folgenden alles getan, die beiden an der Aufklärung zu hindern, denn noch mehr, als erahnt wird, steckt hinter den konspirativen Vorgängen aus der Vergangenheit.

 

Man täte dem Buch und der Autorin im Übrigen unrecht, trotz aller Ähnlichkeiten in der Grundidee und der Zeichnung der Figuren, eine bloße Kopie des Erfolgsrezeptes von Stieg Larsson zu behaupten. Durchaus eigenständig entfaltet Herrmann ihre Geschichte. Mit dem Hintergrund der Stasi und des vielfach noch ungeklärten Verbleibs von Material und Agenten aus der Zeit vor 1989 legt sie zudem ein durchaus realistisch anmutendes Szenario zu Grunde.

 

Der klare, fließende Schreibstil der Autorin fügt das Seine hinzu, um die Lektüre zu einem durchaus spannenden Lesevergnügen zu gestalten. Ohne logische Brüche und mit überzeugenden Wendungen versehen ist Elisabeth Herrmann ein solider Thriller gelungen, der durchaus zu fesseln weiß. Ohne die Ekelgrenze zu überschreiten ist sie dennoch in der Lage, plastisch zu schildern. Beispielhaft liegt die Szene vor Augen, in der Judith eine Wohnung säubert, in der im Hochsommer wochenlang die Leiche einer alten Frau gelegen hat. Gut, dass Herrmann die Leiche selbst nicht schildert, es reicht durchaus schon, wie sie minutiös die Hinterlassenschaften, die chemische Herangehensweise und die Arbeit von Judith Kepler selbst in den Blickpunkt setzt.

 

Ein deutscher Verschwörungsthriller, der den so gemächlich wirkenden BND in ein anderes Lichts rückt, der die Vergangenheit neu unter die Lupe nimmt und in stetigem Tempo, fundiert und plastisch beschreibend, den Leser mitten hinein nimmt in die Abläufe. Nicht überragend, aber sehr gut geschrieben.

 

M.Lehmann-Pape 2011