Berlinverlag 2013
Berlinverlag 2013

Elisabeth Rank – Bis Du noch wach?

 

Freunde als Familie?

 

Es ist nicht das große Scheppern, der Knall, der laute Streit, der in den Raum tritt für Rea. Gar nicht. Ganz im Gegenteil. Es gibt auch keine wirkliche Handhabe für einen solchen Knall.

 

„Manchmal drehen sich die Dinge um, weißt Du? Manchmal hören sie einfach auf. Es gibt dann kein Erdbeben und keinen großen Knall..... alles wird einfach immer leiser“.

 

Anders als da, wo die ehemals „großen Gefühle auseinandergehen“. Einen richtigen „Pack an“ gibt es ja auch nicht, wenn es“ nur“ um Freundschaft geht. Zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau, Rea und Konrad, Mitbewohner einer dreier WG, aus der sich Pelle, der dritte Mitbewohner, rein praktisch eigentlich schon seit langem verabschiedet hat.

 

Aber Konrad, dass ist doch was anderes, das ist Reas „echte“ Familie, Stütze ihres Lebens. Klar kennt sie Männer, klar hatte sie bis gerade noch eine Art Beziehung. Die sie aber innerlich nicht wirklich erreicht und die sie dann beendet. Sang- und klanglos.

 

Es ist eine Konstruktion des modernen Lebens einerseits, die Elisabeth Rank als Blaupause ihres Romans setzt und es ist ein existenzielles, ganz altes Thema, das im Hintergrund mitschwingt. Das der auch sichtbaren Verbindlichkeit von Beziehungen. Da, wo das Leben so vor sich hin läuft in der großen Stadt, Berlin. Da, wo die Lebensentwürfe, das klassische Vorgehen mit Ehe, eigenes Nest bauen, nicht unbedingt stringent ihren Gang gehen. Da, wo Freunde das sind, was früher diese Familien waren. Das „selbst gewählte“ Rudel.

 

Und ganz besonders mit Rea und Konrad. Der sich kümmert. Der ihr zur Seite stand, als es ihrem Vater vor einiger Zeit dreckig ging. Mit dem sie doch ein unsichtbares Band verknüpfte, eine „Seelenverwandtschaft“, die aber nun nicht zu einer Zweisamkeit, einer Romanze, einer Liebe führte.

 

Und gerade jetzt, wo Rea Albert den Laufpass gegeben hat, wo ihr Vater wieder auf Leben und Tod liegt, wo Rea wieder einmal deutlich spürt, dass ihr inneres Band zur Mutter nicht wirklich tragfähig ist, da erreicht sie  Konrad nicht mehr. Eine Frau taucht auf in seinem Leben und für Rea bleibt außer der hoch neurotischen Katze, nicht viel, um sich zu trösten.

 

Und Reden? Schwierig, wo Rea doch immer der Hals eng wird, wenn es um Gefühle geht.

 

Langsam, aber stetig, verfolgt der Leser nun dieses Auseinandergehen und Auseinanderbrechen in den kleinen Dingen des Lebens.

Die Sprachlosigkeit, die sich darin auch und vor allem begründet, dass eben kein echtes, „offizielles“ Band zwischen Konrad und Rea besteht. Nichts, was man einklagen könnte, nichts, das man wirklich vorwerfen kann.

Und, das ist das eigentlich Tragische, auch nichts, was die beiden wirklich auf einer Ebene sprechen lassen könnte. Jeder sieht die Dinge aus seiner Sicht, keiner erreicht den anderen mehr wirklich. Konrad ist schon innerlich entfernt, das spürt der Leser von Beginn an. Selbst bei gemeinsamen Essen, früher Festtage der WG, nur mehr mit seinem Handy beschäftigt.

 

Dass die ein- oder andere Begebenheit (der Urlaub in Nizza) nicht unbedingt hätte sein müssen, dass hier und da leichte Verwirrungen und Längen auftauchen und auch Pelle eher eine kaum zu definierende Rolle spielt, das sind kleine Längen im Buch.

Dennoch gelingt es Rank, dieses unverbindliche und doch so wichtige moderner Freundschaften und Lebensweisen herauszuarbeiten, die Verlorenheit aneinander präzise in Worte zu fassen und aufzuzeigen, dass bei aller Modernität der Lebensweisen letztlich doch die „zweisame Liebe“ das ist und sein wird, das als Sehnsucht treibt. So brüchig diese auch ist, die anderen Lebensweisen und Lebenskonstruktionen sind noch brüchiger.

„Brüchigkeit und Verletzbarkeit“, das sind die großen Themen, die Rank im Kleinen des Lebens wunderbar emotional und umgangssprachlich im Stil vor Augen führt.

 

Ein Buch über den Abschied aus gewohnten, aber nicht gesicherten Bahnen, über die Einsamkeit in der großen Stadt und die Traurigkeit über all das, was verloren geht an Verbindlichkeit auf diesem Weg. Lesenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2013