Goldmann 2012
Goldmann 2012

Elizabeth George – Glaube der Lüge

 

Lynley wieder in Spur

 

So langsam kommt er wieder zu sich selbst, nach den harten Schlägen, die das Leben ihm austeilte. Thomas Lynley ist dabei, den Mord an seiner geliebten Frau Helen zu verwinden, der ihn fast selbst in den Abgrund geführt hätte.

Einer Affäre zumindest hat er sich wieder geöffnet. Kompliziert allerdings ist diese Liaison mit seiner Vorgesetzten durchaus. Nicht nur dienstlich, auch in dem spürbaren Anspruchsverhalten Isabells, das immer wieder.

 

Da passt es ganz gut, dass er sozusagen „informell“ auf einen Fall angesetzt wird, der nach allen Indizien her eigentlich ein Unfall gewesen sein müsste (obwohl ein solches halb-privates Vorgehen allen Regeln der Zuständigkeiten und der Polizeiarbeit widerspricht).

 

Ian Greswell hat in der Grafschaft Cumbria einen nächtlichen Ruderausflug auf den See gemacht und ist im Dunklen beim Vertäuen des Bootes ausgerutscht, mit dem Kopf unglücklich auf eine Steinstufe geschlagen und gestorben. Aber das Leben Ians war nicht unkompliziert und so liegt seinem Onkel daran, jede Form von Verdacht oder Unklarheiten ausschließen zu können. Woraufhin Lynlay ins Spiel kommt mit seinen bewährten Mitstreitern Barbara Havers und Debora und Simon St. James.

 

Kann es sein, dass die alten Steinstufen, die im Bootshaus zum Wasser führten, vorsätzlich gelockert wurden? Gründe ließen sich finden bei einem Mann, der Frau und zwei Kinder verlassen hat, um mit einem jungen Mann eine neue Liebe zu beginnen. Und das ganz offen. Gründe ließen sich finden im Verhältnis Ians zu seinem Cousin Nicholas und dessen Ehefrau. Nicholas, der eine langjährige Drogenkarriere hinter sich hat und nun vordergründig „wundersam geheilt“ ein Projekt gegen Drogen versucht, auf die Beine zustellen.

 

Wobei dies nur die vordergründigen Reibungen und Spannungen in Ians Leben darstellen, denn als Lynley und die Seinen erst einmal Anfangen, ein wenig tiefer zu graben, wird rasch deutlich, wie vielfach die unterschwelligen Spannungen, Intrigen, Ränkespiele, Vorurteile und innere Härten sind und wer alles Motiv und Gelegenheit gehabt hätte, gegen Ian vorzugehen.

 

Dies alles aber, und das ist ein deutliches Manko des ansonsten durchaus in bekannter Souveränität des Stils verfassten  Romans, verschwindet fast in einer Art Nebenerzählung, als sich Elizabeth  George aufmacht, die Hintergründe in der Familie des Toten breit und mit vielfachen Rückblicken und Details in den Mittelpunkt ihrer Geschichte zu stellen.

 Zu breit, das kann man sagen. Denn der eigentliche rote Faden der Klärung des Geschehens verschwindet fast hinter den vielfachen Personen, die allesamt dunkle Lasten und Seiten zu schultern haben. Vielleicht auch deswegen, weil Ians Tod gar nicht allzu viel hergibt?

 

Das Nebenbei so manches wenig realistisch wirkt (die Ablehnung von Ians Frau gegenüber den zwei Kindern, deren Mutter sie doch eigentlich ist samt Überlassung der Kinder lieber an den Geliebten ihres Mannes, sei ebenso als Beispiel erwähnt wie die deutlich antiquierten Ermittlungsmethoden, die im Buch zum tragen kommen) stört dabei die Darstellung der übertriebenen Beziehungsverflechtungen und Lebensdramen ebenso, wie die teils langatmige Darstellung einzelner Personen und die zu breit angelegten Perspektiven, die George anführt.

 

So verbleibt ein gemischter Eindruck des achten Falles des Inspektors Thomas Lynley. Einerseits bietet George bekanntes und souverän geführtes „Personal“ auf in einem Fall mit durchaus interessanten Themen und psychologischen Tiefen, andererseits erliegt George zunehmend einem Hang nach Briete und Perspektivenvielfalt, die in Teilen mehr verwirren als zum Lesegenuss beitragen, in anderen Teilen unrealistisch überzogen wirken. Als Einsteig in das „Lynley – Universum“ ist das Buch kaum zu empfehlen und selbst Fans der Reihe werden hier und da Mühe haben, dem roten Faden zu folgen.

 

M.Lehmann-Pape 2012