Heyne 2012
Heyne 2012

Ellen Alpsten – Weisse Schuld

 

Die brutale Seite Afrikas

 

Der unglücklichen Liebe wegen ist Charlotte Frank von Deutschland nach Afrika, konkret Nairobi, gekommen. Die Journalistin hat sich bei einem kleinen Sender in Kenias Hauptstadt anstellen lassen, um über ihren ehemaligen Lebensgefährten hinwegzukommen, der sie schmählich verlassen hat. Kaum angekommen, gerät sie mitten hinein in das vitale, laute, tobende Leben der Stadt, in der die Schere zwischen Reich und Arm, Weiß und Schwarz ungeheuer aufklafft.

 

Mutig und fast überneugierig, wie sie ist, verschlägt es sie fast umgehend in eines der größten Slums der Stadt, dort erlebt sie mit, wie ein Albino fast vor ihren Augen zerstückelt und in Einzelteilen verkauft wird. Albinos sind wertvolle Beigaben für die schwarze Hexerei, für die Magie.

 

Auch wenn sie im Lauf der ersten durchaus auf andere Gedanken kommt, dem ein oder anderen sehr attraktiven Mann bereits begegnet, dieses Erleben im Slum lässt sie nicht los und so macht sie sich auf eigene Faust daran, die Hintergründe des Verbrechens zu klären. Vor allem, als sie auf einer Pressekonferenz miterlebt, wie ein bekannter Geschäftsmann der Öffentlichkeit verkündet, zwei Kinder adoptieren zu wollen. Albinos. Kinder, die durchaus nicht nur in allgemeiner Gefahr stehen, für magische Zwecke benutzt zu werden, sondern denen, das wird im Lauf des Buches klar, noch von ganz anderer Seite her Gefahren drohen. Und nicht nur die beiden Kindern werden gefahrvolle Situationen zu erleben haben.

 

Aber aus ihrer eigenen Geschichte mit ihrer Schwester heraus ist Charlotte tief geprägt davon, dass sie es sich nicht verzeihen kann, sich herauszuhalten, wo Menschen bedrängt werden.

 

Eintauchend in die Mischung aus uralten Traditionen, moderner Geschäftsgier, Magie und Zauberkräfte, Aberglaube und Hightech, die das Alltagsleben in Kenia in vielerlei Hinsichten bestimmen, geht sie ihren Weg. Gut, dass sie Menschen findet, die etwas bewegen können und denen sie trauen kann. Hoffentlich.

 

Bunt und vielfältig, dabei durchaus spannend und keineswegs folkloristisch, legt Ellen Alpsten ihr neues Buch, ihren ersten „afrikanischen Kriminalroman“ vor du schickt mit Charlotte Frank eine durchaus glaubhafte und mutige, dennoch aber auch mit Brüchen versehene, Protagonisten ins Rennen und legt ein durchaus hohes Tempo im Buch vor, Langeweile taucht nicht auf bis zum Schluss. Ganz frei machen von Klischees kann sich allerdings die Autorin nicht an jeder Stelle. Dies betrifft weniger die Schilderung des afrikanischen Lebens, eher die Handlungsweisen und Beziehungseröffnungen der Figuren. Dass Charlotte Frank so gut wie immer auf den ersten Blick deutlich spürt, wie wer ist, zu wem sie sich umgehend hingezogen fühlt und von wem sie sich in acht nehmen muss, da fehlt es an einer gewissen Entwicklung in den Figuren und Beziehungen, die dem Buch durchaus noch gut zu Gesichte gestanden hätten, wie auch hier und da eine doch zu einfache Sprache genutzt wird. Auch hier hätte hier und da eine kräftigere und ausführlicher genutzte Bildsprache den Eindruck Nairobis und der Umstände im Land an sich noch stärker lebendig werden lassen können.

 

Davon abgesehen bietet „Weisse Schuld“ gut Unterhaltung, eine durchdachte Geschichte und viel Einblick in das moderne Afrika jenseits aller Folklore, mit seinen Härten, aber auch Möglichkeiten.

 

M.Lehmann-Pape 2011