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Enrique Cortes – Der 26. Stock

 

Das jüngste Gericht heute

 

Was geht vor in den obersten Etagen des Hochhauses der Konzernzentrale in Madrid? Warum verschwinden viele der kurz zuvor  in den 26. Stock des Hauses beförderten Mitarbeiter? Gibt es ein verbindendes Element zwischen all den verschwundenen Menschen? Und was hat es mit dem ominösen, hermetisch abgeriegelten, 27. Stock auf sich?

 

Fragen, denen Isabel Alvaredo, die Protagonistin des Buches,  nachgeht. Personalverantwortliche in dem großen Konzern, der in diesem Hochhaus, genannt „der Turm“, seinen Geschäftssitz hat.

 

Auch befreundete Kollegen  von Isabel verschwinden, nachdem sie in den 26. Stock hinauf befördert wurden und hinterlassen nur eine letzte, drängende  Nachricht an Isabel: „Hau ab“.

Als sich dann noch die Spuren ihres Bruders Teo im Hochhaus verlieren, setzt Isabel alles auf eine Karte. Wem kann sie trauen, wem nicht auf Ihrer Suche nach den Ursachen für die Geschehnisse und nach ihrem Bruder? Ist die Bekanntschaft mit dem attraktiven Mann wirklich nur ein Flirt oder hat er ein Geheimnis? Welche Rolle spielt der alte Aufzugführer Mateo bei den immer gefährlicher werdenden Ereignissen und Zac, der Freund des neuen Bekannten?

 

Bis deutlich wird, warum dem Buch ein Zitat aus der Apokalypse des Matthäusevangeliums (Kapitel 13, 49-50) vorangestellt wird, muss man tatsächlich auch bis kurz vor Ende des Buches gelesen haben. Schuld und Sühne, Unschuld und Rettung, die schuldhafte Verstrickung unserer modernen Industriegesellschaft in die Zerstörung des ökologischen und sozialen Gefüges, sind Elemente des Buches, die lange Zeit unterschwellig vorbereitet werden, bis Ihre Bedeutung für die Geschichte deutlich wird.

 

 „Wenn die Lösung nicht im Bereich des Rationalen zu finden ist, bleibt nur noch das Absurde“.

 

Mit dieser These schickt uns Enrique Cortes an der Seite seiner Protagonisten Isabel Alvaredo durch die gut 600 Seiten seines ersten Buches. Hierbei stellt er uns Isabel und ihre beginnende Verstrickung in die Geschehnisse auf den ersten knapp 300 Seiten ausführlich vor. Bis dahin fast ausschließlich, im Rest des Buches gemischter mit Handlungen  anderer Figuren, erlebt der Leser die Geschichte aus der Sicht Isabels.

 

Sprachlich ist der Thriller eher einfach gehalten. Weitgehend sachlich bringt Cortes seine Geschichte stetig voran. Die Figuren erhalten kaum eine „Vergangenheit“. Bedeutsam ist immer nur der jeweilige Anteil der handelnden Person am Fortgang der Geschichte.

Auf Dauer kann dies durchaus ein wenig ermattend wirken, sozusagen keine „Dekoration“ zu den Figuren zu erhalten.

Die charakterlichen und äußeren Eigenschaften der Personen werden weniger in erzählender Form dargestellt, sondern in dem der Leser die handelnden Figuren begleitet (einige Überraschungen in der Einschätzung von Personen warten dabei durchaus im Verlauf des Buches auf ihre Entdeckung).

 

Manches bleibt daher in meinen Augen zu sehr der eigenen Fantasie überlassen. Manches wird hierbei auch bedauerlich unterbrochen, Personen quasi ganz oder für eine Weile „fallen gelassen“. So verbringt eine der möglichen Hauptfiguren, die „neue Liebe“ Isabels, den größten Teil des Buches hindurch im Koma. Dabei hätte mich der Fortgang der Beziehung durchaus interessiert.

Auch eine der spannendsten Stellen, als Teo mit dem Aufzug „ganz nach oben fährt“ versickert und seine Erlebnisse im Aufzug verbleiben wenig aufgeklärt im Blick darauf, auf welche Kräfte er dort unverhofft getroffen ist.

 

Eine durchaus spannende Geschichte, die trotz Schwächen in Sprache und Stil mich als Leser mit hineingenommen hat in das Geschehen im „Turm“. 

Meinem Geschmack nach ist das Buch für die erzählte Geschichte allerdings deutlich  zu lang, vor allem, da eine Vielzahl von Personen auftauchen, die letztlich wenig Bedeutung für den Fortgang und das Ende der Geschichte haben, zum anderen, da die Vielzahl der Seiten mir einiges an Hintergründen und differenzierteren Beschreibungen der Figuren und eines „Lokalkolorits“ schuldig blieben.

 

M.Lehmann-Pape