btb 2011
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Esther Verhoef - Verfallen

 

Grausames Erleben in tiefster Provinz

 

„Ich klettere nicht wutschnaubend über Schreibtische. Ich werde nicht laut. Ich schlucke meine Worte eher hinunter als dass ich sie herausschreie“.

 

Diese Selbstkennzeichnung der Protagonistin Eva, tragende Hauptfigur des neuen Thrillers von Esther Verhoef, macht schon zu Beginn klar, dass hier keine toughe Frau mit breiten Schultern durch die Seiten des Buches eilen wird. Eher verhuscht stellt sich Eva dar, die, gerade als Journalistin gekündigt, sich eingestehen muss, dass sie als Person ziemlich gut dafür geeignet scheint, herumgeschubst zu werden. Und plötzlich steht sie vor einer gewissen Leere. Die auch Erwin, der lose Freund und Bettgenosse, nicht füllen könnte.

 

Kurz entschlossen macht sie sich eine Woche früher als geplant in Holland auf, ihre beste Freundin und „Blutsschwester“ Dianne in deren neuen Domizil in der tiefsten französischen Provinz aufzusuchen. Einige Tage Urlaub dort sind fest abgesprochen. Komisch nur, dass Dianne seit über einer Woche kein Lebenszeichen mehr von sich gibt. Merkwürdig ebenso, dass das Haus, dass Eva nach einigem Suchen in Frankreich vorfindet wenig bewohnt und einladend wirkt, so, als hätte Dianne in der ganzen Zeit dort anderes und besseres zu tun gehabt, als sich wohnlich einzurichten. Noch merkwürdiger, dass die Freundin verschwunden bleibt, zunächst, und eine eiskalte Mauer des Schweigens bei den allesamt kalt und bedrohlich wirkenden Einwohnern des gottverlassenen Nestes im Raume steht.

 

Einsam und dunkel erlebt Eva das Haus und die Reaktion auf ihre Fragen nach Dianne. Denen auch die Gendamerie keine große Beachtung schenkt, denn ein furchtbarer Doppelmord ist geschehen. Eva wird das Verhuschte ablegen müssen. Nicht nur, um ihre Freundin zu finden, sondern auch, weil bald schon am Horizont die dunklen Wolken der Gefahr für sie selber auftauchen werden.

Es dauert allerdings ein wenig, bis Eva merkt, dass die Ereignisse in Zusammenhang stehen.

 

Es dauert erheblich weniger lange, bis es Esther Verhoef gelingt, die dichte Atmosphäre der Bedrohung, des nächtlichen Dunkels, der eingeschlagenen Fensterscheibe in der Eingangstür und eines wie zufällig auf Eva gerichteten Gewehres dicht und erlebbar in den Raum der Fantasie zu stellen.

 

Anders als in manch anderen Büchern der Autorin spielt die knisternde Erotik, der Verlust der (weiblichen) Kontrolle durch den dominanten, sexuellen Anreiz eines Mannes hier keine vordergründige Rolle, zumindest nicht bei der Hauptperson Eva. Dennoch aber taucht dieses Motiv im Hintergrund, in Bezug auf Diannes Handeln und Verschwinden, maßgeblich wieder auf. Eine Dianne, die gefunden werden wird und doch dann endgültig verloren . Auch innerlich von dem hohen Sockel, auf den Eva ihre bewunderte Freundin gestellt hatte.

 

Ein spannendes und emotional zutreffendes Buch, in dem es Esther Verhoef wiederum gelingt, die inneren Verkettungen und unglückseligen Verbindungen in ihrer Zwangsläufigkeit offen zu legen. Ebenso, wie es ihr gelingt eine durchweg dichte und bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen. Für den, der Esther Verhoef aus Vorgängerbüchern bereits kennt, ist die Geschichte in Teilen allerdings vorhersehbar bis hin zum Finale des Showdowns zwischen Eva und dem Mörder. Dennoch, wie bei Verhoef gewohnt, ist solide und  gute Unterhaltung garantiert.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Esther Verhoef,

 

1968 im niederländischen 's-Hertogenbosch geboren, ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der Niederlande. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Niederländischen Thrillerpreis (den sie als erste Holländerin nach Autoren wie Nicci French, Dan Brown und Henning Mankell gewann).

 

(Quelle: btb Verlag)