Goldmann 2012
Goldmann 2012

Franck Thilliez – Öffne die Augen

 

Gehirnmanipulationen

 

Besser wäre es schon gewesen, wenn der passionierte Sammler alter Filme Ludovic Sénéchal bei diesem „Schätzchen“ aus dem Nachlass eines alten Mannes in Belgien die Augen fest geschlossen gehalten hätte. Denn nach Anschauen der nicht gekennzeichneten Filmrolle taumelt er blind und schreiend aus seinem Heimkino und schafft es nur, voller Panik seine entfernte Bekannte Lucie Hennebart, Kriminalpolizistin im verdienten Urlaub, anzurufen.

 

Diese ist zwar mit der Krankheit einer ihrer Töchter völlig ausgelastet, dennoch schaut sie kurz nach dem Rechten. Und bemerkt, dass nicht nur sie sich für diese alte Filmrolle nun interessiert. Zwar erlebt sie, das noch lange nicht jeder einfach durch das Anschauen des Filmes erblindet und findet auf Anhieb nicht, was ihr an dem Film eigentlich solches Unbehagen verschafft, durchaus aber erlebt sie, dass die Beschäftigung mit der Filmrolle und deren auch nur kurzfristiger Besitz tödliche Folgen haben kann.

 

Parallel zu diesen Ereignissen findet sich in der Provinz in der Normandie ein Massengrab. Fünf männliche Leichen ohne Hände und mit zerschlagenen Zähnen, somit fast nicht identifizierbar, wurden bei Bauarbeiten entdeckt. Der durch massive traumatische Erlebnisse schwer mitgenommene Profiler Franck Schako wird hinzugerufen. Zunächst nur für eine kurze Einschätzung, doch bald schon zieht ihn dieser Fall mit Haut und Haaren hinein. Vor allem, als sich herausstellt, dass es zwischen der alten Filmrolle und den neuen Morden durchaus enge Zusammenhänge geben könnte. Zusammenhänge, die ihn, die Lucie Hennebart und so manch anderen in höchste Gefahr bringen werden.

 

Einen höchst interessanten Plot setzt Franck Thilliez in den Raum seiner Geschichte. Die intensive Forschung der Wirkung von Bildern auf das Gehirn, die Kurzeinblendung von nicht aktiv wahrnehmbaren Bildern in  Filme, welche die Werbung über einige Zeit benutzte, bevor diese Form der Manipulation offiziell verboten wurde. Doch weit über solch kleine Spielereien hinaus reichen die Erläuterungen und Hintergründe, die Thilliez gibt. Mit genauer Kenntnis in Schnitttechnik und Doppelbelichtungen, von Filmen in Filmen hinter Filmen und der Verbindung dieser mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen liest der Leser fasziniert, welche Abgründe Thilliez im Buch entfaltet. Abgründe auch im Blick auf unfreiwillig, unschuldige Probanden für erste Versuche in der Vergangenheit.

 

Das alleine schon ist gut recherchiert und dargestellt, zu dem aber gelingt es Thilliez ebenso, packende Protagonisten zu entwerfen und deren innere Problematiken und kämpfe mit sich selbst hervorragend in Szene zu setzen. Das betrifft nicht nur den als Anti-Helden konzipierten Schako, der nur beim Geräusch einer laufenden Spielzeugeisenbahn überhaupt noch Schlaf findet und ohne Badwanne mit kaltem Wasser seine erhitzen Nerven kaum mehr zur Ruhe bringt.

 

Ein wenig überhastet wirkt das Finale des Buches, hier hätte man sich eine etwas breitere Darstellung noch gewünscht und nicht ein solch eher einfach die Dinge erklärendes Ende, vor allem, da in der Vorbereitung dieses Finales Tempo und Aktion noch einmal stark angezogen hatten.

 

Alles in allem aber eine intelligente und unterhaltsame Lektüre, die geschickt Neurowissenschaft und Filmtechnik miteinander verbindet und in sich logisch aufgebaut ist.

 

M.Lehmann-Pape 2012