dtv 2016
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Frank Goldammer – Der Angstmann

 

Intensive Atmosphäre und überzeugende Hauptfigur

 

Nicht erst, wenn die Bomben ununterbrochen auf Dresden fallen, der Feuersturm in der Stadt tobt und Kriminalinspektor Max Heller mit angesengtem Mantel, verbrannten Haaren, nach Sauerstoff lechzend durch die zusammenbrechenden Straßen wankt, um zu seiner Frau zurück zu finden, ist der Leser atemlos mittendrin in dieser intensiv von Goldammer geschilderten Zeit der letzten Wochen des zweiten Weltkrieges in Deutschland.

 

Das zurückhaltende, keinem trauen können, der SS Obersturmbannführer als Vorgesetzter, der noch eine Rolle spielen wird, wenn man es gar nicht mehr vermutet. Die an Laternen baumelden „Volksverräter“, die Massen an „entleerten“, stinkenden Flüchtlingen um den Bahnhof herum, die Versorgungsengpässe, der Kampf der Krankenschwestern im Krankenhaus, undurchsichtige Personen dazu, die plötzlich da sind. Von irgendwoher, mit je einer zunächst plausibel wirkenden Lebensgeschichte, die nicht immer einem zweiten Blick standhält.

 

Die Sorge Hellers und seiner Frau um die beiden Söhne an der Front. Und nicht zuletzt die brachialen, grausamen Morde an jungen Frauen, die eher geschlachtet denn ermordet werden, denen die Augenlider fehlen, die dies alles am lebendigen Leib erdulden, ertragen, erleiden mussten, bevor er Tod gnädig den Schmerz auslöschte.

 

Und ein Kriminaler, der auch nach Ende des Krieges, angesichts der gefährlichen, jederzeit zum Töten bereiten sowjetischen „neuen Herren“ der Stadt nicht gegen sein Naturell ankann.

 

Der Fall ist einfach nicht gelöst, der „Angstmann“, wie der Mörder hinter vorgehaltener Hand genannt wird, taucht wieder auf. Und Heller begibt sich in die „Höhle des Löwen“, in das sowjetische Hauptquartier, weil er nicht locker lassen kann Wohlwissend, dass er mit seinem Leben spielt.

 

Und ebenso dann im Angesicht des Hasses, der zurecht in den Soldaten und Offizieren und Kommissaren tobt. Auch das legt Goldammer wie nebenbei mit offen, die Gräueltaten der deutschen Armee und SS, das Entsetzen auch abgestumpfter Soldaten bei der Befreiung der Konzentrationslager, die Millionen von Toten, die nach Rache schreien.

 

Und doch eine ganz langsame Annäherung, zumindest zwischen Heller und einem russischen Kommissar, der ihm zur Seite gestellt wird bei den neuen Ermittlungen. Wobei dessen Ziel ein ganz anderes ist als das Hellers. Aber anders wird er keinen Schritt weiterkommen, denn alleine ist er nichts mehr. Ein Deutscher. Ein „Nazi“ für die Sieger, auch wenn er nie Nähe zur Partei oder deren Gremien suchte oder hatte.

 

In Zeiten, in denen bereits der Besitz eines Fahrrades zur sofortigen Erschießung führen kann, in der er gesenkte Blick überlebensnotwendig ist.

 

Eine Atmosphäre, die Goldammer hervorragend aufgreift, die er packend und greifbar in den Roman setzt. Wie auch die einzelnen Figuren (in mancherlei Hinsicht allerdings etwas zu überspitzt dargestellt, was den „Täter mit den schiefen Zähnen“ angeht) weitgehend hervorragend die Haltung der Zeit, das Grauen des Erlebten widerspiegeln. Und mit einer sehr überraschenden Wendung, als es um die wahren Hintergründe der Morde dann geht.

 

Alles in allem eine atmosphärisch dichte, in Teilen sehr spannende Unterhaltung, in welcher Goldammer sehr realistisch und hart das Geschehen der Morde, die Bombennächte und die Zeit unmittelbar nach der Kapitulation aufnimmt.

 

Mit einem überzeugenden, weil eben nicht sonderlich heldenhaften, Ermittler.

 

„Ich bin Max Heller. Ich war es und werde es immer sein, bis ich sterbe“.

 

 

Und eben nicht einer, der sich kategorisieren lässt als Nazi oder Mitläufer oder Widerständler.

 

M.Lehmann-Pape 2016