Knaus 2011
Knaus 2011

Franz Xaver Roth – Böser Mann

 

Viel Provinz und weniger Krimi

 

Der von den Indizien, den Motiven und den Gelegenheiten her Hauptverdächtige, Sammy, der schwarze Koch, Freund, Faktotum im „Hammer Eck“, der Szene- und Sportkneipe im Dorf Leuterding im Großraum München, bewirtschaftet vom Liebhaber eines Pick-Up amerikanischer Bauart Luginger, ist wohl nicht der „böse Mann“, vor dem die Bewohner des kleinen Fleckens „Angst zu haben hätten“.

 

Auch wenn dieser Sammy hier und da und leider bei den Ermittlungen der resoluten Kommissarin Weibel sich in Lügen verstrickt und einiges verschweigt, was zur Klärung des Falles hilfreich wäre. Nicht nur des ersten Falles, übrigens, auch ein zweiter Fall wird hinzutreten und das ist schon enorm in Leuterding.

 

Ein Lehrer, engagiert in einer Bürgerinitiative gegen ein Neubaugebiet, wird überfahren und dadurch getötet. Den Spuren nach absichtlich. Aufgrund eines internen Wissens um die Baulöwen und Investoren jenes Neubaugebietes? Oder aufgrund dessen, dass er als Lehrer bei so manchen seiner aktuellen und ehemaligen Schüler verhasst ist? Oder aufgrund der hohen Lebensversicherung, die seine Witwe nun kassieren wird? Jene Witwe, die im Übrigen ein enges Verhältnis mit Sammy pflegt. Ein sehr enges Verhältnis.

 

Und dann wird noch das enfant terrible des Dorfes erstochen. Sohn des Baulöwen. Hobby-Zuhälter, Drogendealer, Alfa Fahrer. Jener Alfa, der als Unfallauto in Sachen des Lehrers identifiziert werden kann. Und Sammy hat kein Alibi. Auch nicht beim dritten Todesfall in kürzester Zeit, der bald schon folgt.

 

Genügend Stoff also für den Rockfan und Wirt Luginger, sich auf die Suche nach Entlastung für seinen Sammy zu begeben. Unterstützt von seiner zwar körperlich gebrechlichen aber weiterhin energischen Mutter, die ganz eigene Wege geht (und letztlich den Täter überführen wird), seiner Thekenangestellten Moni (die noch ein Hühnchen mit Sammy zu rupfen hätte, denn auch sie hatte zu Zeiten ein sehr enges Verhältnis zu diesem körperlich attraktiven Mann),. Argwöhnisch betrachtet von Clara Weibel, der ermittelnden Kommissarin aus Erding. Verlass ist nur auf ein paar wenige, alte Freunde, allen voran Faulhuber, der Zahnarzt des Dorfes, der keine Lust mehr auf den Bohrer hat und lieber seine eigene Theorie des Mordes von der Verschwörung des großen Geldes nachprüfen möchte.

 

Genau getroffen und ausführlich dargestellt lässt Roth seine Figuren im  Buch Platz nehmen und agieren. Selber wohnhaft in Leuterding gelingt es ihm durchaus, das entsprechende Lokalkolorit und die dazugehörigen Charaktere überzeugend einfließen zu lassen. Das ganz alltägliche Leben, Lust und Frust am FC Bayern, der exotische Schwarze im Dorf, die Alteingesessenen und die Schickeria mit ihren immer neuen Plänen zu Investitionen, all dies belebt die Seiten des Buches  realitätsnah, teils trocken-lakonisch, teils anrührend, wenn die Senioren des Dorfes und die diversen Liebesgeschichten in den Blick rücken.

 

Menschlich intensiv ist die eine, gelungene Seite des Buches. Der kriminalistische Strang allerdings lässt keine sonderliche Spannung aufkommen. Da von Beginn an klar ist, dass der nach Sachlage verdächtige Sammy es menschlich gar nicht gewesen sein kann, gefährliche Situationen nicht auftreten und zudem die eigentlichen Hintergründe der Taten  eher verwirren denn für ein überzeugendes Szenario sorgen, fehlt es an einem spannenden, überzeugenden Kriminalfall leider zu sehr.

 

Eher scheint es so, als wären die Morde mitsamt der diversen, darin verwickelten Personen nur das Beiwerk, um jenen Personen in all ihren speziellen Ausprägungen „Auftrittsmöglichkeiten“ zu geben.

 

Überzeugendes Lokalkolorit, differenziert angelegte Figuren, ein präziser Blick auf das oberbayerische Leben im Umfeld Münchens stehen auf der positiven Seite des Buches, wenig Spannung und ein wenig überzeugender Mordfall bilden den eher zähen Anteil der gut 280 Seiten.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Franz Xaver Roth

 

ist das Pseudonym eines Münchner Büchermenschen, der mit wunderbar leichter Feder das Vorort-Soziotop der Großstadt treffend porträtiert. Roth lebt mit Frau und zwei Kindern in Leuterding.

 

(Quelle: Knaus Verlag)