Molden 2013
Molden 2013

Günter Neuwirth – Neumondnacht

 

Lokalkolorit, ökologischer Einsatz und Mord

 

„Dieses Fleisch kann man keinem als Nahrung vorsetzen!“.

 

Und der das sagt, Albrecht Kammerhof, Koch des gediegenen Restaurants im Steyertalhof, hat Ahnung. Anders als die anderen Angestellten, die nicht über seine feine Nase verfügen, nicht aus dem toten Stück Schweineschulter den Geruch der Medikamente und der schlechten Nahrung für das Tier heraus riechen.

 

Natürlich aber wird Albrecht letztlich das Fleisch für die Gäste zubereiten. Denn wenn eine Gesellschaft von Herbert Felden, dem Fleischmogul der Umgebung, zu Gast ist, jener Herbert Felden selbst dieses Fleisch geliefert hat und zornesrot in der Küche Albrecht in den Blick nimmt, dann bleibt nicht viel an Ausweg, wenn man auf seinen Beruf angewiesen ist.

 

Durchsetzungsfähig, das ist er, der Herbert Felden. Wie so mancher und manche noch an jenem Abend feststellen muss, auch sein Sohn. Immer schon gewesen.

 

Am nächsten Tag aber schon ist Herbert Felden Geschichte.

In einem Fleischlager von einer Geräteraupe zerquetscht. Was die Kriminalbeamtin Christina Kayserling auf den Plan ruft, denn ein Unfall wird das kaum gewesen sein.

 

Wo aber wäre anzusetzen?

Ökologische Aktivisten leben durchaus in und um Steyr in Österreich und wenig Hehl machen diese aus ihrer militanten Abneigung gegen die Fleischindustrie. Und hinter so manchem Bewohner und Neu-Hinzugezogenen in der übersichtlichen, ländlichen Gemeinschaft verbirgt sich eine hier und da auch einschlägige Vergangenheit.

 

Aber auch familiär steht und stand bei Felden nicht alles zum Besten. Den Sohn immer verachtet (und ihn das spüren lassen), die Mutter des Sohnes, seine Ex-Frau, erst gar nicht weiter beachtet, mit seiner aktuellen Frau ebenfalls nicht in bestem Einvernehmen. Und daneben so manche „Geschäftsfreunde“, denen Feldens Art und Geschäftsmethoden ebenfalls nicht wirklich in den Kram passen.

 

Geschickt im Übrigen führt Neuwirth schon vor dem Verbrechen den ein und die andere mögliche Verdächtige ein und gestaltet all diese Personen durchaus sorgfältig und differenziert in die Handlung hinein, so dass der Leser alle, gar Albrecht, den Koch (bei aller Sympathie gerade für diese wunderbar gezeichnete Nebenfigur) zumindest als Mörder im Affekt nicht ausschließen kann.

 

Überzeugende Figuren, die Neuwirth sprachlich und atmosphärisch überzeugend mit dem ländlichen  Leben um Steyr herum verbindet. Fast riecht man den Kuhdung und den Schweinestall, vor allem aber erhält der Leser Einblick in die Reibungen zwischen Profitinteressen und Naturverbundenheit, moderner Lebens- und Liebesform und traditioneller Lebensweise.

 

Lange auch gelingt es Neuwirth, die Spannungskurve hoch zu halten, lässt den Leser im Dunkeln tappen, bis erst zum Ende hin sich die Schlinge enger und enger um den möglichen Täter legt, ohne das durch zu große Blutlachen, Leichenberge oder halsbrecherische Verfolgungsfahrten gewatet wird.

 

Ein überzeugender Kriminalroman mit ökologisch aktuellem Thema, umgesetzt ohne erhobenen Zeigefinger und eingebettet in die Lebensatmosphäre des österreichischen Alpenvorlandes.

 

M.Lehmann-Pape 2013