Ullstein 2018
Ullstein 2018

Gard Sveen – Der einsame Bote

 

Allein gegen eine düstere Bedrohung

 

Leichen tauchen auf. Weibliche. Geschändete, zerstörte Körper. Mit semi-professioneller Operationstechnik verstümmelt an den primären und sekundären Geschlechtsorganen. Mit abgetrennten Händen und anderen Gliedmaßen.

 

Und die 13jährige Amanda ist immer noch verschwunden. Was Tommy Bergmann schlicht wahnsinnig macht. Vor allem, weil er Druck bekommt. Von den eigenen Vorgesetzten, den Kollegen. Denn da hat jemand doch alles gestanden und der bösartige Übeltäter, der im Vorgängerband für soviel Leid gesorgt hat, ist doch tot.

 

Das Bergmann keine Ruhe geben kann, stößt da gewaltig auf. Da nutzt auch eine Krankschreibung und das Ermitteln auf eigene Faust nicht viel.

 

Doch was, wenn Jan-Olav Farberg gar nicht tot ist, sondern der gefundene, verbrannte Körper gar nicht er ist?

 

Was, wenn es eine sehr verschwiegene Sekte geben sollte, irgendwo in Litauen, am Rande der Welt, die ein überaus krudes Verständnis von Erlösung propagiert und für dieses junge Mädchen eines bestimmten Sternzeichens, dringend vor deren 14. Geburtstag, dafür benutzt? Eine Sekte, die zudem eine gewisse Vorstellung davon hat, wie Opfer an Gott in diesem Leben rein körperlich aussehen sollten?

 

Oder ist das alles nur eine Legende einer oder mehrerer kranker Seelen, die ihre Pädophilie und den inneren Drang zur Grausamkeit hinter solchen Geschichten verstecken wollen?

 

Und wo genau beginnen, wenn es keine wirklich griffigen Anhaltspunkte gibt?

 

Das ist die Ausgangslage, der sich Bergmann gegenüber sieht, als er ein Flugzeug nach Litauen besteigt, wohlwissend, dass außer seiner alten, vertrauten Kollegin Sabine, die bedauerlicherweise mit einem aalglatten Staatswalt liiert ist, niemandem vertrauen kann und zu allen möglichen Tricks greifen muss, um überhaupt mit offiziellen Stellen sprechen zu können.

 

Während sich dieser Teil des Falles eher langsam und mit Schwierigkeiten entwickelt, ist die psychologische Dimension des Romans von Beginn an im Vordergrund vorhanden. Gard Sveen taucht tief in seine, allesamt auf ihre Weise, beschädigten Personen ein und vermittelt souverän zum einen die Verzweiflung Bergmanns (auch ans ich selbst), wie ebenso das kranke, dunkle Denken und Fühlen der „Gegenseite“.

 

Sei es dabei der „geständige Pädophile“, der so geständig gar nicht ist, dessen glattes und unnahbares Wesen Sveen bestens vermittelt, sei es der Botschafter in Litauen, dessen Gram über ein gewisses „Abgeschoben-Sein“ sich in einem eher unpassenden Fahrzeugt und einer fast Sucht nach ein wenig Aufmerksamkeit niederschlägt.

 

Dieser Teil des Thrillers ist gut gelungen und fesselt den Leser umgehend, während der eigentliche Fall und die Recherchen nach jener ominösen Sekte einige Längen aufweisen und dort eine Straffung des Tempos dem Roman gut zu Gesicht gestanden hätte.

 

Alles in allem aber eine durchaus anregende und fesselnde Lektüre, die vor allem die Geschichten der Hauptpersonen weitererzählt und hier vor allem jenen Tommy Bergmann noch einmal weiter als Persönlichkeit vertieft.

 

 

Empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2018