Klett-Cotta 2014
Klett-Cotta 2014

Gert Heidenreich – Der Fall

 

Krimi, philosophische Überlegung und Gesellschaftskritik

 

Da ist diese Runde schwerreicher Leute, die sich in diesem feinen Schloss an der Loire treffen. Die, einer nach dem anderen, vor Ort eintreffen (Gelegenheit im Übrigen für Heidenreich, diese Personen dem Leser flüssig und eingehend vorzustellen).

 

Leute, die alles erreicht haben.

Erfolg, Karriere, Schwarzgeld.

Menschen, die auf die finanziellen Regeln der Gesellschaft nichts geben, außer dass es sie einen guten Steuerberater kostet, der die Schlupflöcher, auch die nicht legalen, für sie findet.

 

Doch die Geister, die man rief, wird man so schnell nicht los.

Vor allem, wenn einer der Berater nicht unbedingt bereit ist, sich damit zufrieden zu geben, durch seine Einkünfte „nur“ im oberen Drittel der Gesellschaft sich anzusiedeln.

 

Eigentlich müsste die illustre Runde das gut verstehen. Doch wenn einer an den eigenen Kuchen will, dann kann es schon einmal einen „Fall“ geben (im wahrsten Sinne des Wortes).

Männer fürs Grobe hat man ja.

 

Aber auch bei denen ist Vorsicht geboten. Dumm sind die nicht und Reichtum erkennen die schon, wenn sie ihn sehen. Und Lust auf einen gedeihlichen Betrag hat man auch, wenn man für seine dreckigen Aufträge ganz gut bezahlt wird.

 

Gier ist überall und auf jeder Ebene und weit verbreitet der „moderne“ Grundantrieb, so stellt es Heidenreich dem Leser ohne moralinsauren Zeigefinger vor die Augen.

 

In all dies gerät der pensionierte, weniger Lebens- denn menschensatte ehemalige Kriminalkommissar Alexander Swoboda hinein.

 

Eigentlich will er nur malen. Ungestört.

So ungestört, dass er mit aller Kraft versucht, diesen schreienden Körper zu ignorieren, der von der Klippe an der französischen Küste gestoßen wird. Wenn da nicht die alten Reflexe wären, wenn da nicht diese Schüsse wären, die gezielt nun auf ihn abgefeuert werden.

 

Und am Ende, als er alles überstanden glaubt, wird er erschossen.

 

Bevor es hinüber gehen kann in das „große Licht“ (den Grenzfluss zum Tod hat er bereits per Fähre überquert), hält ihn ein Junge auf.

So einfach wird er das Geschehen um den Fall nicht loswerden. Denn der „Fall von der Klippe“ ist nicht nur ein „Kriminal-Fall“, sondern auch ein „Lebens-Fall“, eine offene Rechnung, die Swoboda nicht ignorieren darf, will er frei für die nächste Ebene werden.

 

Moralische und philosophische Überlegungen sind es, die Heidenreich hier in ruhigen Worten mit einfließen lässt. Die es auch braucht, um den Leser das Befremdliche der Situation schmackhaft zu machen, diese „Ermittlungen aus dem Jenseits“ mit ihren mythologischen (der Fährmann) und inneren Bildern (das Gespräch quasi mit sich selbst in „reiner Form“).

 

Denn es sind verschiedene  Ebenen und auch Themen, die Heidenreich (mit sprachlich hoher und intensiver Qualität) in seinem Roman verarbeitet (wobei es schon störend aus dem Lesefluss herausreißt, dass er sich hier und da wie ein „guter alter Geschichtenerzähler“ an den Leser wendet. „Mitten in unserer Verwirrung wenden wir uns von den Toten ab und der diesseitigen Welt zu“.).

 

Da ist die Frage der Misanthropie, des „Genug-Habens“ von den Menschen, die Swoboda sicherlich nicht alleine betrifft angesichts der Zustände auf der Welt und in der nächsten Nachbarschaft.

 

Da ist die Frage nach dem, was ein Leben abrundet oder abschließt, innerlich frei macht.

 

Da ist der Spiegel für die Gier der Gesellschaft, die auf allen Ebenen der Figuren nur mehr Eurozeichen in und vor den Augen zu haben scheint.  Eine Haltung, die vom „Club der Trinker“ (jenen Reichen auf dem Schloss) bis zum einfachen Hausangestellten reicht.

 

Und ganz nebenher bietet Heidenreich einen zunächst sonnenklar scheinenden Kriminalfall (Auftrag, Motiv, Mörder wirken bekannt), der doch noch seine Wendungen nehmen wird und nicht vorschnell abgehakt werden sollte.

 

 

Vielfache Themen, in Teilen zu viele, sprachlich glänzend und dicht vorangetrieben (mit einigen Irritationen der Einbeziehung der Leser), verschiedene Ebene und überzeugende Personen machen diesen ganz anderen Kriminalroman mit seinem melancholischen, jenseitigen Ermittler zu einer durchaus interessanten Lektüre, die allerdings den Kriminalfall eher nach hinten stellt im Reflektieren der verschiedenen Themen im Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2014