Goldmann 2011
Goldmann 2011

Gianfranco Carofiglio – In ihrer dunkelsten Stunde

 

Nicht nur ein Krimi

 

„Er hatte zwei Mandanten, die mich in einer sehr heiklen und ringenden Sache sprechen wollten“, doch aufgrund der Vorgeschichte mit seinem Freund, der hier und da deutlich zu Übertreibungen neigte, kommt der Anwalt Guido Guerrieri, Gianfranco Carofiglios Hauptperson, zunächst zu dem Schluss, „seine Definition von heikel und ringend“ nicht allzu ernst zu nehmen. Ein Fehler, wie sich herausstellen wird.

 

Die Tochter der beiden Mandanten ist verschwunden. Und Guerrieri soll das ins einer Macht stehende tun, um einen endgültigen Abschluss des Falles durch die ermittelnden Behörden zu verhindern. Und durchaus stellt sich nach nicht allzu langen Recherchen heraus, dass eine Schließung der Akte verfrüht wäre, das Ungereimtheiten im Raume stehen um dieses Verschwinden, die nach einer näheren Prüfung rufen.

 

Was zunächst klingt wie das sattsam bekannte Sujet vielfacher Kriminalgeschichten, entpuppt sich bei näherem Hinsehen zwar tatsächlich als eine Art Kriminalfall, dient aber in erster Linie Gianfranco Carofiglio vor allem dazu, für die Figur seines Anwalts Guerrieri einen Rahmen zu schaffen, in dem die Nachdenklichkeit, Sensibilität und eigene Lebensgeschichte, zudem die durchaus differenzierte Lebenshaltung des süditalienischen Anwalts (und durchaus Alter Egos des Autors) intensiv und hintergründig zum Vorschein kommt. Das einfache, alltägliche, nachdenkliche, grüblerische, eben das Leben der Hauptfigur ist es, welches Gianfranco Carofiglio in den Mittelpunkt seiner Darstellung rückt. Und dies in sprachlich feiner und sehr gelungener Form.

 

Diese „Lebensbetrachtungen“ verpackt der Autor in einen Fall, in dessen Verlauf wiederum die persönliche Art und Weise, die eher unbedarften kriminalistischen Versuche des Anwalts seine Lebensweise und, vor allem, seine persönlichen Grenzen mit transportieren. Natürlich recherchiert er. Trifft auf das Umfeld der verschwundenen Manuela. Ein nicht sonderlich sympathisches Umfeld voller Dünkel und intriganten Haltungen.

 

So ergibt sich im Laufe der sprachlich wunderbar vorliegenden knapp 290 Seiten des Romans ein Lebensbild, das eher zufällig auch mit einem Kriminalfall zu tun hat. Aktion und Spannung, gefahrvolle Momente und ein Anwalt, der als moderner James Bond Verschnitt in der Unterwelt Heldentaten vollbringt, das sucht man bei Gianfranco Carofiglio vergebens. Gut so. Denn das alltägliche Leben in Italien, eine hohe Nachdenklichkeit, was das Leben an sich, den eigenen Weg und die „modernen“ Verhältnisse dieses Lebens angeht, dies findet man wiederum reflektiert beobachtet als roten Faden im Roman und folgt diesem gerne (und hier und da durchaus nachdenklich). Ein Folgen in der Lektüre, die durchaus das eigene Leben, den eigenen Weg, die eigenen Unvollkommenheiten mit ins Spiel bringen.

 

Vor allem, als sich herausstellt, dass es eben jene Unvollkommenheiten und unbedachte Handlungsweisen sind, die mit dem Verschwinden Manuelas ursächlich verbunden sind. Hier schließt sich dann der Kreis zwischen der unvollkommenen Figur des Anwalts, den vorschnellen Entscheidungen anderer und der Unvollkommenheit der Welt an sich.

 

Ein ruhiges Buch, in dem anhand eines durchaus intelligenten Falles ein Rahmen gesetzt wird, innerhalb dessen Gianfranco Carofiglio fast philosophisch auf die Fehlerhaftigkeit des Seins verweist und dies in einer qualitativ hochwertigen sprachlichen Form. Eine Beschreibung „dunkelster Stunden“, die in jedem Leben in der ein oder anderen Form vorhanden sind.

 

M.Lehmann-Pape 2011