S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Gillian Flynn – Cry Baby

 

Hervorragendes Debüt

 

„Gone Girl“ war kein Zufall oder Glückstreffer, wie dieser Erstling von Gillian Flynn aus dem Jahre 2006 zeigt.

Schon in diesem eher schmalen Thriller (verglichen mit Gone Girl) legt Flynn alles vor, was sie späterhin ausgebreiteter an Seitenzahl an Qualität aufzeigt.

 

Eine überzeugende, in sich gebrochene, von Kindheit an „geschlagene“ (in ganz bestimmter Art und Weise, die sehr kreativ zu Grunde gelegt wird) weibliche Hauptfigur, umfassend „geritzt“ und nun, als erwachsene Frau und Reporterin, wieder am heimischen Ort in der Kleinstadt in Missouri. Da, wo vor langer Zeit ihre Schwester an einer ominösen Krankheit starb, da, wo ihre Mutter wartet, von der Camille keine Liebe erwarten durfte und darf.

 

Bei ihrer Mutter, ihrem Stiefvater, ihrer frühreifen Stiefschwester, alten Collegebekannten und „neu nachgewachsenen“ Jugendlichen. In dem Ort, in dem zwei junge Mädchen auf grausame Weise verstümmelt aufgefunden wurden. Alle Zähne wurden den beiden Toten gezogen.

 

Camille beginnt mit ihren Recherchen und findet, trotz viel Schweigens und wenig offiziell klaren Aussagen sehr schnell Abgründe hinter vielen Fassaden aufrechter und offenkundig beliebter Bürger jeden Alters, von den jugendlichen Mädchen hin bis zum eigenen Elternhaus, vom Hintergrund der beiden getöteten Mädchen hin bis zur Schweinzucht ihrer Familie.

 

Ein sich immer schneller drehendes Geschehen, eine immer dichter werdende Atmosphäre, in der Camille selbst zu einen sich fast in  ihrer Vergangenheit verliert und zum anderen ihr starke Gefahr eben durch vergangene, verdrängte Ereignisse droht, die sie in der Gegenwart beginnen, einzuholen.

 

Machtkämpfe, Zynismus schon in frühestem Alter, ein Polizeibeamter, der seine ganz eigenen Ermittlungsideen hat (und dem Camille sehr nah kommen wird), der Bruder eines der getöteten Mädchen, der fast allzu weich wirkt (und ebenfalls Camille naherücken wird), ein Sammelsurium von Selbstbetrug, Grausamkeit, Hilflosigkeit und verdeckten Abläufen, die Gillian Flynn bestens in die hervorragend dargestellte Atmosphäre des provinziellen Orte mit seinen „Ortsfürsten“ einbettet.

 

Mit Drehungen und Wendungen, die den Leser immer wieder überraschen und ihn lange Zeit völlig ahnungslos vor all den Figuren stehen lässt. Denn irgendjemand hat die Mädchen ja getötet und wer Flynn kennt weiß, dass hier nicht irgendwann der „große Unbekannte“ aus dem Hut gezaubert werden wird, sondern unter all den bekannten Figuren zumindest eine ein massives doppeltes Spiel betreibt. Was sich erst am „Ende hinter dem vermeintlichen“ Ende herausstellen wird.

 

 

Eine Gemengelage, bei der Münchhausen eine Rolle spielen wird und der Leser von der ersten Seite an bestens unterhalten und emotional dicht an der Seite Camilles in die Tiefen menschlicher Destruktivität und derer möglichen Gründe vorstößt.

 

M.Lehmann-Pape 2014