Droemer 2016
Droemer 2016

Gilly Macmillan – Toter Himmel

 

Unbedingt!

 

„Toter Himmel“ ist der erste Thriller aus der Feder Gilly Macmillans und wer sich auf den ersten Seiten, zu Beginn, jene Schilderungen des ermittelnden Polizisten über seine Schlaflosigkeit zu Gemüte führt, der spürt umgehend, dass Macmillan klar, empathisch und mit intensiver Bildsprache den Leser emotional tief mit hineinzuziehen versteht.

 

Ein Talent, das im gesamten Thriller maßgeblich die Spannung und den Aufbau betrifft.

 

Rachel wurde vor Kurzem von ihrem Mann John verlassen (wegen einer anderen Frau) und lebt nun alleinerziehend mit der „Sonne ihres Lebens“, Ben.

 

Bei einem Waldspaziergang erlaubt sie dem 8jährigen, zum Spielplatz vorzulaufen. Wie ein Vater, der seinem Sohn erste, eigene, kleine, überschaubare Abenteuer gönnt, dazu ermutigt.

 

Mit bitteren Folgen, denn Ben ist plötzlich verschwunden und taucht nicht wieder auf. Zunächst zumindest nicht. Und das ist dann, natürlich, die Frage, um die sich alles drehen wird. Lebt das Kind noch? Wer könnte in diesem einsamen Stück Wald Ben mitgenommen haben, so unbemerkt, ohne Geräusche, ohne Geschrei?

 

Die Polizei schaltet sich ein und aus der Sicht des Ermittlers Jim und aus jener der Mutter Rachel wird nun aus zwei Zeitperspektiven (nach den Ereignissen in Form von Therapiestunden des Polizisten) nicht nur die Fahndung mit allem, was dazu gehört erzählt, sondern, vor allem, tauch Macmillan tief in die Seelen ihrer Protagonisten ein.

 

Sei es die „opferbeauftragte“, die noch eine ganz eigene Geschichte in sich trägt, sei es Jim, der Ermittler, der nicht mehr weiß, was schlafen überhaupt ist, sei es, vor allem, Rachel, an deren Figur Macmillan sämtliche Zustände, zunehmende Verzweiflung, Trauer, Wut, Ohnmacht erarbeitet, die ungeheuer realistisch das Bild der Mutter eines entführten Kindes umfassend in den Raum setzt.

 

Zudem tauchen (allerdings in diesem komplizierten Fall erst nach einiger Zeit), zaghafte Spuren, Verdächtige auf. Könnte es sein, dass Ben gar nicht von einem völlig Fremden entführt wurde? Immer für Überraschungen gut stattet Macmillan auch völlig harmlose, vertraut wirkende Figuren mit Seiten und inneren Problemen aus, die ebenso immer wieder den Ereignissen eine ganz neue Wendung geben könnten.

 

Oder täuschen all diese Spuren und die „zerbrochenen“ Lebensgeschichten, die Schritt für Schritt in überraschenden Wendungen zu Tage treten?

 

Bis hin zum, noch einmal ein überraschendes Ausrufezeichen setzendes, Ende ist der Leser daher gefangen in einer sehr lebendigen Welt von Figuren, die alle hinter den Fassaden noch ganz anderes in sich tragen, das Macmillan geschickt und in ihrem klaren und direkten Stil einführt.

 

Fast durchgehend bleibt das Tempo hoch, immer neue Richtungen lassen den Leser die Seiten voranblättern und, das gelingt Macmillan in vielen Szenen im Buch, auch emotional mitfiebern.

 

 

Ein hervorragender Thriller zum Thema Kindesentführung, bei der der Himmel nur mehr eine tote, graue Masse ist und das Leben wie erstarrt nur mehr erlitten wird

 

M.Lehmann-Pape 2016