KBV 2011
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Guido M. Breuer – Alte Narben

 

Die Vergangenheit ruht nicht

 

Auch im wörtlichen Sinne trägt Jakob Israel Kratz eine Menge alter Narben. Auf der Haut. Aber auch in der Seele. Bei Nacht schlafen? Das kann er nicht. Schon lange nicht mehr. Und die Gründe für all dies liegen weit in der Vergangenheit des 89jährigen neuen Mitbewohners im Seniorenstift am Rande von Nideggen in der Eifel.

Gründe, die im Verlauf der Geschichte zu Tage treten werden ebenso, wie die Tatsache, dass seine Anwesenheit nicht unbedingt zufällig gerade zu diesem Zeitpunkt am Ort ist. Da steckt mehr dahinter.

 

Zunächst aber fällt Lorenz Berthold, knorriger, rüstiger Senior mit dem Hang zu kriminalen Ermittlungen, Großvater einer Aachener Kommissarin und seinen kongenialen Freunden, der Künstlerin Bärbel Müllermeister und dem, selbst von sich selbst nicht leicht durchschaubaren, Mitbewohner Gustav Bremer anderes auf. Vor allem eine gewisse Kühle des Jakob Kratz, die in kalte Feindseligkeit umschlägt, als er beim Frühstück auf den gehschwachen Floto trifft.

 

Der gleiche Floto, der wenig später im benachbarten Wald aufgefunden wird. Totgeschlagen mit einem Knüppel, zwei Buchstaben roh mit einem Messer in die Stirn geritzt.

 

Keine Frage, dass sich Lorenz Berthold mit seinen Freunden aufmacht, Licht in das Dunkle des Mordes zu bringen. Unterstützt werden die drei vom nassforschen Pfleger Benny, der hinter seiner legeren und vorlauten Art durchaus Mut und ein hilfreiches Herz besitzt.

 

Bald schon wirbeln die rüstigen Senioren die Ermittlungen der Polizei intensiv durcheinander, finden Zusammenhänge und Spuren, die verborgen lagen und stoßen auf  weit mehr an Hintergrund des Mordes als nur eine alte Feindschaft zweier alter Männer. Auch wird dieser eine Mord nicht der einzige bleiben und es drohen durchaus Dinge der Vergangenheit in der Gegenwart wieder aufzuleben, denn Floto stand mit seiner sehr speziellen, inneren Haltung nicht alleine.

 

In der eher ruhigen und beschaulichen Eifel siedelt Guido M. Neuer nun schon seinen vierten Fall rund um die rüstige Rentner-Gang an. Einiges an Lokalkolorit lässt sich finden im Buch, wenn sich dies auch eher auf landschaftliche Beschreibungen bezieht. In Punkto Vergangenheit legt Breuer allerdings intensiv offen, wie trügerisch doch die vermeintliche Enge und Nähe der sozialen Gemeinschaft in den kleinen Orten der Eifel im Raume stand und wie wenig wirklich tragfähig sie war und stellt eine tragfähige Verbindung dieser Haltung zum Nährboden extremer Haltungen im langweilig-ländlichen Bereich  durchaus überzeugend her.

 

Flüssig geschrieben und mit Liebe zu den Charakteren gestaltet bleibt der Kriminalroman doch in weiten Teilen vorhersehbar, verrät einiges schon im ersten Viertel und kann so nur minder überraschen mit der letztendlichen Aufklärung des. Ebenfalls als nicht sonderlich überzeugend, allerdings nur nebenbei von belang,  erscheint teilweise die Skizzierung der Beziehung des Lorenz Berthold zu seinem Sohn. Trotz der Erläuterungen über ein im Raume stehendes Familiendrama lässt Breuer hier den Senior wie einen trotzigen Pubertierenden wirken mit leise gemurmelten Widerworten und einer ständigen Abwendung vom Sohn. Dies wirkt gerade deswegen nicht überzeugend, weil der Autor an anderer Stelle seiner Figur des Berthold durchaus Einsicht über diese Beziehung mit auf den Weg gibt.

 

Dies aber stört den Fluss der Geschichte nicht sonderlich und fällt nur nebenbei unangenehm ins Auge. Ansonsten bietet das Buch eine sprachlich angenehme, inhaltlich nicht sonderlich fordernde Unterhaltung, die ins ich schlüssig, leider aber zu vorhersehbar konzipiert ist.

 

M.Lehmann-Pape