btb 2012
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Hakan Nesser – Am Abend des Mordes

 

Ein alter Fall und neue Trauer

 

„ 1. Warum beschäftige ich mich überhaupt mit diesem Fall? (Diesen Fällen)

2. Warum bekomme ich keinen Kontakt zu Ellen Bjarnebo?

3. Was geschah wirklich mit Arnold Morinder?

4. Ist tatsächlich denkbar, dass er noch lebt?

5. Habe ich in den Gesprächen, die ich trotz allem geführt habe, etwas übersehen?

6. Welche Maßnahmen sind im Weiteren zu ergreifen?“

 

Sechs Fragen, die sich Inspektor Gunnar Barbarotti mitten in den Ermittlungen stellt, bei denen er einfach nicht wirklich weiterkommt. Und das liegt nicht nur an dem Schock, den ihm der Tod seiner Frau mit auf den Lebensweg gegeben hat. Marianne lag eines Morgens kalt und tot neben ihm im Bett und das ist noch nicht lange her. Hat ihm sein Vorgesetzter die Untersuchung eines unaufgeklärten Falles nur deswegen aufgetragen, um ihn abzulenken, ihn ein wenig wieder auf den Arbeitsalltag vorzubereiten oder gab es wichtige, andere Motive für diese Aufgabe?

Selbst diese Frage bekommt Barbarotti nicht geklärt, denn sein Vorgesetzter hat seit Tagen keine Zeit, ist nicht greifbar, um ihm diese Frage überhaupt zu stellen.

 

So wendet sich Barbarotti an den Herrgott, was seine Trauer angeht, an die 5 Kinder in seiner Patchworkfamilie, um gegenseitig Halt zu finden, an Eva Brackhaus, seine Kollegin (und Jugendfreundin) um das alles zu verarbeiten und als Hilfe für diesen vertrackten Fall (wobei diese mit eigenen Ermittlungen zum Gifttod eines rechtslastigen schwedischen Politikers eigentlich genug zu tun hat).

Und er wendet sich an all jene, deren Namen er in den alten Ermittlungsakten findet.

 

Arnold Morinder scheint eines Tages vor 5 Jahren mit seinem Moped einfach weggefahren zu sein. Weg von allem, weg von seiner Ehe. Einer Ehe mit jener Ellen Bjarnebo, die als verurteilte Mörderin eine Haftstraße hinter sich gebracht hat. 20 Jahre her ist dieser Mord an ihrem ersten Mann Helge, den sie fachgerecht zerstückelt einfach in Tüten im Wald hinter dem Hof abgelegt hatte. Natürlich wurde die Polizei hellhörig, dass wieder ein Mann dieser Ellen verschwunden ist. Aber da keine Leiche gefunden wird, kann der Fall nicht abgeschlossen werden. Und nun ist Gunnar Barbarotti auf der alten und kalten Spur.

 

Nesser erzählt seine Geschichte langsam und gründlich und legt seinen Schwerpunkt auf die innere Befindlichkeit und innere Entwicklung aller seiner Personen, vor allem aber der des Gunnar Barbarotti im Schock der Trauer.

Wie nebenbei lässt er zudem aus der Perspektive der verurteilten Ellen Bjarnebo die Geschichte damals auf dem Hof mit einfließen und wendet sich auch in dieser Perspektive der psychologischen „Innenseite“ zu.

Nicht um Action oder Spannung somit geht es in diesem ruhigen Thriller, sondern um Personen in allen Facetten, um Irrtümer und Glauben, um innere Not und Stärke.

 

Trübe von allen Seiten zunächst stellt sich die Atmosphäre dar. Trauer bei Barbarotti, Trennung bei Eva Brackhaus, Gewalt und Unterdrückung vor 20 Jahren erlebte Ellen Bjarnebo, plastisch und intensiv vermittelt Nesser das Innenleben seiner Protagonisten und nimmt sich viel, viel Zeit und Anlauf. Erst nach deutlich mehr als 100 Seiten tauchen erste Ahnungen beim Inspektor und beim Leser auf, in welche Richtung ungefähr eine Erklärung all des Vorgefallenen zu finden sein könnte. Aber auch diese Ahnungen werden hier und da trügen, so dass, trotz der gründlichen Darstellung und dem ständigen „up to date“ sein des Lesers die eigentlichen Auflösungen voller Überraschungen stecken werden. Bis zum Motiv hinunter, warum Barbarotti überhaupt auf diese alten Fälle angesetzt wurde.

 

Hakan Nesser legt wieder einmal einen psychologisch stimmigen und in der Atmosphäre dichten, ruhig erzählten Thriller vor, der den Leser Seite für Seite langsam, aber sicher, in den Bann zieht und nicht so schnell wieder loslässt.

 

M.Lehmann-Pape 2012