Suhrkamp 2013
Suhrkamp 2013

Hanna Jameson – Kalter Schmerz

 

Kompromisslos hart

 

Es ist bereits bei der ersten Begegnung mit seinen neuen Auftraggebern klar, dass dieser Fall Nic an die Grenze führen wird. Vor allem an seine persönlichen Grenzen. Denn die Mutter des verschwundenen Mädchens, Clare, fasziniert ihn vom ersten Augenblick an.

 

Diese Narben an den Armen, diese kalte Haltung, dieses Unnahbare. Nic weiß gar nicht, was es ist und er kämpft hart gegen sich an, aber er spürt, diese Frau muss, will er haben.

 

Aber er weiß auch, sie ist nicht für ihn. Sein Auftraggeber, Vater des Mädchens, Ehemann Clares, ist eine ziemliche Nummer in Londons Unterwelt und ist dies nicht durch Rücksichtnahme geworden. Nic weiß, wenn der Mann in solche Richtung auch nur etwas ahnen sollte, wird Nics Leben sehr schmerzhaft werden. Und damit kennt er sich aus. Denn sein Job, seine Passion, ist es, da aufzuräumen, wo andere sich die Hände nicht schmutzig machen wollen. Jene zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Solches einzutreiben, was nicht freiwillig gegeben wird. Jene für immer verschwinden zu lassen, die gut zahlende Auftraggeber durch ihre reine Existenz stören.

 

Nic Caruana, der Aufräumer. Pat Dyer, der Waffenhändler und Clare, die ehemalige und gescheiterte Ballerina. Drei Personen , die, jeder auf seine Weise, um jene verschwundene Emma Dyer kreisen. Die nicht lange verschwunden bleiben wird. Ein Verbrechen, das zu einer Erweiterung von Nics Auftrag führt. Nun soll er  jene finden, die Emma das angetan haben. Und Nic macht seinen Job gründlich. Zu gründlich. Denn er findet noch wesentlich mehr heraus, vor allem, was hinter Clares merkwürdigem Benehmen steckt.

 

So treibt die Geschichte unaufhaltsam auf ihren Kulminationspunkt zu. In einer Welt, die in der Regel nicht Teil von Hochglanzmagazinen ist. In der Drogen, Verrat, Verlust, Gewalt tragende Rollen spielen und Auge um Auge vergolten wird. Gern auch mit einem Bunsenbrenner. Der lässt Augäpfel schnell in ganz andere Aggregatzustände herüber gleiten.

 

Eine Welt, die Jameson kompromisslos, kühl und ohne jede Scheu vor brachialer Gewalt vor die Augen des Lesers stellt. Kaum zu glauben, dass die erst 22jährige Autorin mit solcher Lässigkeit und genau auf der Grenze zwischen Härte und Übertreibung einen Einblick in die unterste Unterwelt gewährt. Mit Personen, die sie ebenso klar und kühl differenziert zu skizzieren versteht. Nic ist hart, aber doch innerlich verletzt und sensibel. Pat für seine Freunde eine Seele von Mann, was sich aber in Bruchteilen von Sekunden zu ändern vermag. Momente, die Jameson meist  treffend beschreibt. Genauso, wie sie die Persönlichkeit der Clare Schritt für Schritt „entblättert“. Wobei im Lauf der Lektüre doch einiges gut gestartete im Sande verläuft und sich Stereotype herausbilden, die mehr und mehr in ihren Handlugen vorhersehbar werden.

 

Alles in allem ein gradliniger, harter Thriller mit lakonischen, „beschädigten“ Protagonisten, die in ihrer Welt kompromisslos überleben und ihrer Wege gehen (und dies hier und da zu stereotyp tun, wie auch die eigentliche „Aufklärung“ des Falles nicht alles wirklich erklärt)

 

Überwiegend spannend, in sich weitgehend logisch aufgebaut, mit überraschenden Wendungen und ungeschminkter Gewalt. Ein Thriller nicht für schwache Nerven, aber durchaus gut zu lesen, auch wenn die ein oder andere „Zerstörung“ nicht letztlich in ihren Motiven geklärt wird.

 

M.Lehmann-Pape 2013