Heyne 2012
Heyne 2012

Hans Koppel – Entführt

 

Späte Rache

 

Rache, Mord, Entführung, Demütigung, als Sklavin gefangen gehalten werden und durch eine Kamera mit ansehen müssen, wie das eigene Leben „da draußen“ zerbricht, das sind die Zutaten, die Hans Koppel für seinen neuen Thriller nutzt und durchaus anregend und spannend zusammenbringt.

Allerdings nicht immer in gleicher Qualität im Lauf des Buches, dies sei vorweg bemerkt.

 

Eine Geschichte, die einsetzt mit einem brutalen Mord und sodann umschwenkt auf die Entführung der Ehefrau und Mutter Ylva. Wobei zunächst völlig unklar ist, was die Motive für diese Taten sein könnten. Ylva wird in einen schalldichten Keller eines Hauses gebracht, das sich unmittelbar in der Nähe ihres eigenen Heimes befindet. Per Kamera werden von nun an die Vorgänge vor und in ihrem eigenen Heim ihr in ihrem Verlies vor Augen führt. Ein Verlies, in dem sie nach allen Regeln der Kunst zur Haus- und Sexsklavin abgerichtet wird.

 

Diesen Strang der Geschichte erzählt Koppel konsequent, schnörkellos und ohne große Zurückhaltung in der Sprache. Offen benennt er die äußeren „Erziehungspraktiken“, versteht es aber vor allemh, das langsame Zerbrechen der Frau dem Leser vor Augen zu führen. Auch die Hilflosigkeit des Ehemanns ( in der Darstellung als „Weichei“ aber doch übertrieben) und dessen Entwicklungen und Veränderungen wieder hin zu einem neuen Leben mit, später, einer neuen Liebe, liegen intensiv erzählt im Buch vor. Gesteigert durch die „zuschauende Präsenz“ Ylvas, die erst im Finale des Buches einen Weg für sich findet, ihre Situation zu verändern. Und das nicht in der Weise, die ihren Entführern recht. Entführer, die in perfider Weise zudem engen Zugang zu Ylvas Mann erhalten und damit aus erster Hand quälende Informationen an Ylva übermitteln können.

 

In anderen Teilen der Geschichte allerdings fällt es nicht so einfach, logisch und ohne Brüche zu folgen. Die Rolle der (fast degeneriert dargestellten) Polizei ist zu übertrieben, die relative, in Teilen fast völlige, zynische Untätigkeit der ermittelnden Kommissare nervt eher, als dass sie die Geschichte befördert und ist in dieser Form auch nicht wirklich vorstellbar. Selbst wenn diese von einem falschen Verdacht ausgehen wäre mehr Engagement logisch gewesen (und hätte dem Buch auch gut getan).

 

Die Nebengeschichte, die zur Aufklärung der Hintergründe und der Todesfälle im Buch führen wird, zerfasert hier und da, die entscheidenden Verbindungen, die sich späterhin herstellen werden, wirken allzu zufällig und konstruiert (auch die journalistischen Ideen).

 

Dennoch, die Themen der Schuld aus jungen Jahren und der intensiv geplanten Rache, die Einkerkerung und „Abrichtung“ Ylvas, die Folgen dieses absoluten Verschwindens einer Frau von jetzt auf gleich, dass alles ist durchaus spannende Lektüre, die den Leser bei der Stange hält, um zu erfahren, wie das Schicksals Ylvas sein wird. Dass manch andere Personen des Buches nur flach und eindimensional gezeichnet werden, sind Schwachpunkte in der Darstellung, ebenso, wie Ylvas Schicksal am Ende zwar in die Konstellation passt, logisch aus der Geschichte heraus, auch aus dem Finale heraus, aber nicht wirklich hätte sein müssen.

 

Ein Thriller mit Licht und Schatten, aber einem spannenden und gut gewählten Thema. In den Hauptzügen der Geschichte spannend, schonungslos und direkt. Durchaus unterhaltsam, wenn man über einige Schwächen hinwegsieht.

 

M.Lehmann-Pape 2012