Heyne 2018
Heyne 2018

Harry Kämmerer – Kalter Kaffee

 

Gemächlich, aber unterhaltsam mit liebevoll gezeichneten Figuren

 

Mailand. Kaffeefirmen. Mafia. Dunkle Geschäfte und krimineller Expansionsdrang. Nicht nur in der Kaffee-Branche, auch was das Bestatter-Wesen angeht, gehen so manch dunkle Gestalten davon aus, dass sich dort prächtig Geld waschen und zudem noch mehr verdienen lässt.

 

Was den Bestatter Miller kalt lässt, auch wenn es glühend heiß wird in den eigenen Räumlichkeiten.

 

Der hat eigentlich genug mit seinen beiden Gehilfen zu tun, die zwar aus jedem Fehler immer noch das Beste kreieren können, deren lakonische „Coolness“ aber nicht selten dem Chef die Haare zu Berge stehen lassen.

 

Was Kommissar Hummel aktuell weniger interessiert, denn gerade hat er einen italienischen Journalisten (und Kronzeugen in einem bald stattfinden, aufsehenerregenden Prozess) vor einer Kugel bewahrt hat und sich unverhofft in der Rolle wiederfindet, jenem Sergio Baroli (und das zu Anfang nicht unbedingt freiwillig) zur Seite zu stehen. Wo er doch viel größeren Drang verspürt, seine bis dato ungekannte Halbschwester näher kennenzulernen

 

Gut, dass sein Team, samt seinem Chef Mader und dessen Hund „Bajazzo“ unverbrüchlich an Hummels Seite stehen und auch nicht an ihm irrewerden, als Hummel ganz andere Ideen kommen, was hinter den Anschlägen und der Geiselnahme der Familie Barolis stecken könnte.

 

So vertiefen sich Zankl und Doris vor Ort in Mailand in die verflochtenen Beziehungen hinter den Kulissen (und, was Doris angeht, mit tiefen Blicken für einen italienischen Polizisten ausufern könnte), während Hummel in einer Berghütte sich selbst erstmal zu sortieren hat und der Bestatter Miller ungebetenen Besuch mit einem „Angebot, dass er nicht ablehnen kann“ erhält.

 

Mit Folgen für einen Autor, der die neue Reihe „Literatur beim Bestatter“ eröffnet hat und ein überaus merkwürdiges Mittel gegen seine Schlafstörungen dabei gefunden hat. Mit „ewigen Folgen“, wie sich herausstellen wird.

 

Dass sich Zankl in der Notaufnahme noch intensiven Blicken und Fragen auszusetzen hat, was den Arm seiner Tochter Clarissa angeht.

 

Solche und andere „Nebenszenen“ lässt Kämmerer ebenso spielend leicht mit einfließen, wie er den roten Faden des Mafia-Prozesses und der immer stärker werdenden Gefahren für seine Ermittler konzentriert im Blick behält.

 

 

Ein wenig gemütlich kommt allerdings schon daher, und am Ende geht es doch überraschend schnell und ein Stück zu kurz (die Entführungsgeschichte der Familie des Journalisten und ihre Hintergründe hätte schon eine Gelegenheit für eine ausführlichere Betrachtung gegeben, dies ist im Roman zu glatt gelöst, um zu überraschen), das aber macht Kämmerer durch seine sehr flüssige Sprache und den umfassenden Blick auf seine individuell gestalteten Protagonisten durchaus wett.

 

M.Lehmann-Pape 2018