Galiani 2013
Galiani 2013

Helen Fitzgerald – Die dunkle Treppe

 

Nur weg

 

Auch wenn Bonny mit Herzklopfen und äußerst „leichtem Gepäck“ das Flugzeug besteigt, zunächst kann ihr gar nicht besseres passieren, als in jenem Hostel in London zu stranden, das von jungen Leuten nur so wimmelt.

 

Es hätte der „Tag der Wahrheit“ sein sollen. Der Tag, an dem der alte Hausarzt ihr das Ergebnis der Tests mitteilt auf diese Erbkrankheit, an der Bonnys Mutter gestorben ist. Fifty fifty stehen die Chancen. Doch Bonny hat schon vor Jahren aufgehört, zu leben. Hat sich ihrer Aufwachsen und all den Dingen, die zum Teenager Dasein gehören gar nicht erst gestellt. Zu dunkel hing die Wolke der möglichen Erkrankung über ihrem Leben.

 

Statt aber sich das Ergebnis abzuholen, besteigt sie einfach ein Flugzeug. Und trifft auf ganz eigene, jeder und jede mit eigener Geschichte ausgestattete, junge Menschen. Die sie umgehend einführen in den Konsum von leichten bis mittleren Drogen, in die Welt des Sex und Alkohol und das unsichere, in den Tag hinein lebende Leben in und um das Hostel.

 

Sehr verwirrend, erst einmal alles. Und nicht einfach für Bonny, mit ihrer braven, naiven Art dort Schritt zu halten. Und auf gar keinen Fall ist es ein leichtes Unterfangen, die eigene Jungfräulichkeit loszuwerden, wie Bonny feststellen muss. Selbst als sie zu denen gehört, die ein Haus besetzen und dort munter mitmischt.

 

Was aber sind das für immer stärker werdende Gerüche nach Fäkalien, die vor allem in Bonnys Zimmer im Haus durch den Boden dringen? Was für klopfende Geräusche, die sie meint, zu hören? Alles nur dem Marihuana-Dunst geschuldet?

 

Bei weitem nicht, denn einer der vielen, neuen Bekannten trägt ein dunkles Verlangen in sich, dem er im Keller des Hauses nachgeht. Ein Geheimnis mit sportlichen Frauen, von denen eine eben genau unter Bonnys Zimmer, gefesselt und geknebelt, dem Täter hilflos ausgeliefert ist.

 

Doch nicht alles wird so ausgehen, wie es der Täter in seiner strategischen Überlegung geplant hat. Ebenso aber wird noch lange nicht alles so ausgehen, als dass ein allseitiges Happy End im Raume stehen wird. Durchaus aber wird der Leser nicht nur Zeuge des „wilden, jungen Lebens“, sondern auch der Entwicklung zweier Frauen, die, lernen müssen, für sich hart zu kämpfen und, fast unbekannterweise, füreinander einzustehen.

 

Das alles bietet Fitzgerald in einem flüssigen, hervorragend zu lesenden Stil und bindet ihre Serienmördergeschichte durchweg an lebendige, differenziert gezeichnete Figuren, die alle ihre Besonderheiten besitzen und ihre ganz eigenen Wege leben. Ein Thriller, in dem brutale Gewalt genauso wenig beschönigt oder vermieden wird wie die wahren Wichtigkeiten einer Heranwachsenden, deren Leben unter einem Damoklesschwert steht. Mit Perspektivwechseln, die den Leser immer wieder auf neue Spuren und je in andere Persönlichkeiten hineinführen. Das der erste Verdacht kaum stimmen kann, das ist dabei das einzige, was der kundige Thriller Leser wohl ahnt, alles andere wird sich überraschend erst ergeben.

 

Spannend und originell in ganz eigener Form ein durchaus lesenwerter , teils überaus harter, Thriller.

 

M.Lehmann-Pape 2013