epv 2014
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Helmut Exner – Alfies Bestattungsladen

 

Hutterer, Bestatter und der Harz

 

Auch in diesem neuesten Roman aus der Kriminalreihe um die pensionierte (und mit Haaren auf den Zähnen versehene) Lilly Höschen bringt Helmut Exner wieder einmal die Stärken seiner Lust an originalen und originellen Charakteren ein.

 

Im Mittelpunkt steht (neben der ein- oder anderen bereits bekannten Figur) vor allem jener Alfie und sein Familie. Bestatter in Goslar, kreativer „Patron“ der Särge und Urnen. Vater eines sehr legeren Sohnes, Markus, der auch mal im Sarg schläft, wenn der Alkoholpegel den „Gang nach oben“ nicht mehr attraktiv erscheinen lässt und der ebenfalls die Schreibtischoberfläche mit einer entsprechenden weiblichen Begleitung durchaus mal „zweckentfremdet“.

Und einer ruhigen, überlegten, menschennahen Tochter, Rebecca.

 

Rebecca, die mehr und mehr dann in den Mittelpunkt des Romans treten wird, nachdem Exners Lust an der hier und da krachenden Einführung seines Personals Raum gefunden hat.

 

„Sei immer fröhlich und vergnügt, bis Dein Arsch im Sarge liegt“ oder auch „Sorglos auf die letzte Reise gehen“, solcherart sind Alfies und der Seinen Brainstorming Ideen, für eine weitere Ankurbelung des Geschäfts.

 

Bis es dann doch auch ernst wird. Rebeccas Nachhilfeschülerin tot aufgefunden wird. Vom Felsen gestürzt.

Wobei der Leser weiß, dass hier kein Unfall vorliegt, sondern dass einer der Jugendlichen der Umgebung, Timo, Sohn aus gutem Haus, den ein oder andere „Deal“ mit jungen Mädchen macht, die ihm gefallen. Keine schönen „Deals“ im Übrigen.

 

Doch nicht nur hier wird Rebecca nicht lockerlassen. Auch privat wird ihr Leben in Turbulenzen, sprich Verliebtheiten geraten. Was auch Schattenseiten bergen wird, die ihr am Anfang noch gar nicht bewusst sein können.

 

Natürlich werden mehr und mehr auch Lilly, der (ebenfalls bekannte) Pfarrer Christian, die Ermittler der Polizei und andere in den Fall eintreten, wird es zumindest einen weiteren Toten geben.

 

Während Exner in einem zweiten Erzählstrang (sehr kenntnisreich aus seiner eigenen familiären Verbundenheit heraus) Albert auftreten lässt. Ein Hutterer aus Amerika mit ganz eigener Geschichte. Eine Geschichte, deren Wurzeln sich durchaus (natürlich) mit der Harzer Gegend verbinden, die auch Exners Heimat ist.

 

Sehr nahe bringt Exner dem Leser daher in diesem Band der Krimireihe nicht nur wieder einmal die Eigenheiten, den Dialekt und die knochigen Charaktere seiner Harzer Heimat, sondern schaut über den Tellerrand hinaus und versorgt den Leser mit interessanten Einblicken in die Hutterer.


Das der Fall nicht sonderlich komplex vorliegt (trotz der ein oder anderen überraschenden Wendung), das manche Ermittlungsergebnisse zu schnell und „wie vom Himmel gefallen“ den Ermittlern zu einfach, fast telepathisch, klar werden, dass das, was „der Täter“ mit jungen Mädchen macht in der Gegenwart zum einen als viel zu harmlos gelten würde, um als „Trieb“ durchzugehen und zum anderen rein technisch in der Gegenwart auf Schwierigkeiten stoßen würde (um etwas zu entfernen, müsste es vorhanden sein und das dürfte bei vielen Frauen aus eigener Motivation und Mode heraus schon gar nicht mehr der Fall sein) und das der Liebesreigen der Rebecca doch schnell (und ein wenig unvermittelt) die Richtung wechselt, an diesen Punkten wäre „Mehr“ tatsächlich dann auch „Mehr und besser“ gewesen. Was im gesamten gesehen der anregenden Lektüre allerdings keinen allzu großen Abbruch zufügt.

 

 

Alles in allem wieder einmal ein flüssiges und mit sehr lebendigen und eigenen Persönlichkeiten versehenes Lesevergnügen mit einigen zu kurz und knapp geratenen Fäden der Erzählung.

 

M.Lehmann-Pape 2014