epv 2012
epv 2012

Helmut Exner – Die Segeberg-Connection, die Lübecker Marzipanleiche und der Harzer Roller

 

Alte Rache und neue Morde

 

Es ist durchaus hilfreich zum Verständnis allein schon des Titels dieses neuen Regionalkrimis von Helmut Exner zu wissen, dass ein „Harzer Roller“ beileibe nicht nur eine Käsespezialität des Harzes bezeichnet, sondern auch einer durchaus attraktiven Kanarienvogelart den Namen gibt.  So ist der neue Kosename für die junge Polizistin Gisela, die eine Stelle im hohen Norden des Landes antritt, weil ihr geliebter Ehemann auf einem kleinen Dorf dort ein Haus geerbt hat, durchaus nicht nur anzüglich, sondern auch wertschätzend gemeint.

 

Ein neuer Ort, eine neue Aufgabe und doch, die mütterliche Freundin Fräulein Höschen (nein, nein, nicht „Hös-chen“, sondern „Hö-schen“ zu sprechen) ist selbst auf diese Entfernung hin durchaus noch eine bewegender Teil im Leben von Gisela und Klaus.

Alte Kollegen der ehemaligen Lehrerin Höschen im Harz sterben. Unter merkwürdigen Umständen, bei denen Drogen eine entscheidende Rolle spielen. Das macht misstrauisch, vor allem, wenn man sich, wie Fräulein Höschen, daran erinnert, dass sie selbst und die verstorbenen Kollegen bei einer sehr unerfreulichen Gewalttat gegenüber einem jungen Mädchen damals in der Schule eingriffen. Und die drei Schüler, um die es damals ging, nachtragend und gewaltbereit waren. Ein Zusammenhang zu den Todesfällen? Ehemalige Schüler, die im Übrigen in der Gegenwart durchaus in der Nähe von Giselas neuem Wohnort ebenfalls heimisch sind. Da kann man sich doch mal kümmern, nebenbei....

 

Bevor dies sich klärt, hat Gisela am neuen Wohnort so einiges aber auch zu tun, sich einzugewöhnen und sich in der neuen Nachbarschaft zu sortieren. Bei der merkwürdigen Familie gegenüber, wo Mutter und Tochter das klare Sagen zu haben scheinen gegenüber ihren beiden Männern. Nebenan, wo der junge Polizist Fiete alle Hände voll zu tun hat, den halbseidenen Umtrieben seines Bruders Freddy Einhalt zu gebieten, die er mit seinen Freunden, der „Segeberg-Connection“ unverdrossen angeht . Marzipangeschäfte, die ebenso tragisch enden werden wie manche  Überlegungen von Mutter und Tochter von gegenüber.

 

Amadeus, der Neffe Höschens, der in den beiden vorhergehenden Romamen durchaus eine tragende Rolle einnahm, taucht in diesem Band nur am Rande auf, dafür treten, wie unter anderem das ungleiche Brüderpaar, neue Figuren in den Mittelpunkt des Geschehens. Figuren, die, durchaus eine Stärke Exners, liebevoll und ausführlich gestaltet werden.

 

Die Anzahl der Toten späterhin allerdings scheint dann doch etwas übertrieben, surreal und kaum nachzuvollziehen in diesem Zusammenhang ist vor allem das Verhalten der beiden Frauen im Dorf in dem, was in deren Garten so alles vonstatten geht. Schade ist ebenso, dass der Erzählfaden um den Polizisten Fiete und seinen Bruder Freddy samt deren gemeinsamer Großmutter zum Ende hin fast völlig aus dem Blick verschwindet.

 

Alles in allem aber ein ruhig und sorgfältiger erzählter „Harzer und Lübecker“ Kriminalroman, in dem Helmut Exner wieder einmal seine Stärken in der sorgfältigen und sprachlich angenehmen Erzählweise ausspielt und durchaus überdrehte, dennoch aber überzeugende Charaktere „ins Rennen schickt“. Mit hier und da arg karikierten Übertreibungen in einer im Gesamten aber auch im Aufbau überzeugenden Geschichte. Auch wenn die „Auflösung“ des Falles schon recht früh im Buch erfolgt, das restliche „Katz- und Maus Spiel“ bietet durchaus weiterhin gute Unterhaltung.

 

M.Lehmann-Pape 2012