epv 2012
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Helmut Exner – Die Toten von Silbernaal

 

Dunkle Kapitel in der Geschichte des Harz

 

Nach nun einigen Regionalkrimis um die exzentrische Person der Lilly Höschen (Hö-Schen! zu sprechen) herum, die vor allem von Wortwitz und Eigenarten der handelnden Personen getragen waren, wendet sich Helmut Exner in seinem neuen Harzer Kriminalroman in erkennbar komplexerer Form einem ernsteren Thema zu (aber keine Sorge, einen Kurzauftritt gönnt der Autor seiner Lily schon noch). Auch wenn Exner auch diesmal die Geschichte vordergründig in einen aktuellen Ermittlungsstrang zu einem Mord verknüpft, zeigt sich doch, dass sein Ansinnen in diesem Buch tiefer liegt.

 

Eingewoben in die Ermittlungen um den Tod eines modernen „Schatzjägers“ im Harzer Wald bei Silbernaal, führt Exner aus der Erinnerungsperspektive der 90jährigen Ingrid zurück in die dunkle und brutale Zeit des zweiten Weltkrieges, der Munitionsfabrik Tanne im Harz, des Einsatzes (und der Leiden) der Zwangsarbeiter zur damaligen Zeit und weist ebenso auf, wie schwer es die wenigen aufrechten Menschen in diesem Umfeld damals hatten, einen auch nur halbwegs geraden Weg zu gehen.

 

Ingrids Mutter Augustine, in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg und zu Zeiten des zweiten des zweiten Weltkrieges voller Saft und Kraft, Leiterin eines kleinen Unternehmens, durchsetzungsfähig und mit einem untrüglichen Gespür für Gerechtigkeit versehen, setzt sich schon früh für die Ihren gegen eben jene ein, die zu allen Zeiten von Macht sich haben korrumpieren lassen. Steiger und Obersteiger im Erzabbau, die mit der Peitsche nicht geizig waren ebenso, wie Nazi Schergen, die sich in ihrer Bedeutung sonnten und ihren grausamen Seiten keinen Zwang antaten. Augustine mit ihrem durchdringenden Blick hielt sie alle (meist) im Griff. In unsicheren und gefährlichen Zeiten.

 

So verwundert es nicht, dass neben der „frischen“ Leiche im Wald auch ein alter Schädel aus ebenjener Zeit des letzten Weltkrieges gefunden wird. Ebenso gewaltsam zu Tode gekommen. Kommissar Schneider nimm die Ermittlungen auf und spürt von Beginn an einen Zusammenhang  zwischen den Ereignissen damals wie heute.

Nicht zuletzt deswegen, weil es zudem ja der direkte Nachkomme des damaligen Nazi-Vorstehers im Ort ist, der nun erschlagen aufgefunden wurde.

 

Geschickt verknüpft Exner nun die Handlungsstränge im Buch. Zeigt die „im Saft“ stehende, aktuelle junge Generation, die charakterlich durchaus den Altvorderen nicht nachsteht und ihren eigenen Weg gewitzt zu finden versteht. Zeigt ebenso die alte Generation in ihren Erinnerungen und der düsteren Atmosphäre der harschen und dunklen Zeiten, in deren Erzählungen sich mehr und mehr herausschält, wie die Verhältnisse untereinander waren und welche Drohungen im Raum standen.

Kämpfe zwischen Gut und Böse, die mehr als ein Opfer gefordert haben und die alle zusammenhängen werden, ganz am Ende aller Geschichten. Eine durchaus lebendige Geschichte, vor allem durch die lebendig gezeichneten Figuren, die auf der einen wie auf der anderen Seite den Roman tragen. Lebendig aber auch durch die sachgerechte und einfühlsame Darstellung dieser bedrängenden Zeit von Zwangsarbeit, Hunger, Verlusten und täglichem Kampf um das eigene Überleben (der nicht für jeden glücklich enden wird).

 

Das sprachlich hier und da zu sehr umgangssprachliche Wendungen in den Stil Exners Eingang finden, dass eine doch interessante gruselige „Erscheinung“ nicht wirklich zu Ende erzählt wird und hier und da Ermittlungswege und Querverbindungen leicht verkürzt auf einmal im Raume stehen, all dies sind Nebensächlichkeiten, die dem flüssig dargebotenen Buch wenig Abbruch zufügen.

 

Alle ein sorgfältig konzipierter Roman, der den vordergründigen Kriminalfall zwar nicht „an der Seite“ liegen lässt, diesen wohl aber vor allem als Rahmung für eine Darstellung eines dunklen Stückes Harzer Geschichte benutzt. Ohne dabei der Gefahr einer rein historischen Darstellung zu erliegen. Auch und gerade in den Ereignissen von vor 70 Jahren bleibt Exner seiner lebendigen und personenzentrierten Erzählweise treu. Ein durchaus empfehlenswertes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2012